Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

2A6. Erinnerungen an Carl Huter


1. Zum 9. Oktober 1951, dem 90. Geburtstag Carl Huters
von Amandus Kupfer (1), (2)

Fettdruck und Gliederung durch die Carl-Huter-Stiftung

Sein Lebensspruch:
Der natürlichen Wahrheit und ihrer Verbreitung,
Der ethischen Bildung und ihrer Vertiefung,
Und der göttlichen Schönheit und ihrer Heiligkeit
Das ganze Sein!

 

Was sollen wir sagen; wenn gefragt wird: «Wer war Carl Huter?» Er selbst antwortete dem Schüler, der obige Frage stellte: «Sagen Sie, Huter war ein einfacher Mann aus dem Volke, der durch Fleiss und gute Begabung mehr Wahrheiten fand als andere vor ihm.» (3)

Seine Kindheit erlebte Huter in einer schönen Landschaft, einem Dorf bei Hildesheim. Schon als Knabe muss er in naivem, natürlichem Schauen die Menschen seiner Umgebung ganz so gesehen haben, wie sie waren; er fand die Grundtypen des Lebens unter den Menschen. Solange es eine Kultur gibt, hat es diese Typen gegeben; aber niemand hat vor Huter erkannt, welche Rolle sie in der Entwicklung des Menschen spielen, wie überhaupt in der Lebenswelt. Auf dieser ersten Erkenntnis fussend, forschte Huter sein ganzes Leben weiter und kam dabei von einer Entdeckung zur andern.

Es muss also doch wohl eine besondere Veranlagung bei Huter vorgelegen haben, denn sonst wären seine bedeutenden Forschungen nicht zu erklären. Auch will es uns scheinen, dass Huter gerade zur rechten Zeit kam, denn die letzten Jahrzehnte lehren uns, dass die Kultur sich so ziemlich festgefahren hat, dass eine bessere Erkenntnis über Welt und Mensch nötig erscheint, um sie neu zu beleben. Daher will ich gerne aus Anlass seines 90. Geburtstages einiges aus der Erinnerung an ihn hier darlegen.

Es war in Bremerhaven, Ende 1906, als mir zwei Freunde (4) das grosse Huterwerk brachten, das ich anfing zu studieren. Wir beschlossen, Huter zu bitten, bei uns Vorträge zu halten. Er sagte zu, musste aber am Tage des ersten Vortrages wegen einer hinderlichen starken Erkältung absagen. Wir waren aber schon für seine Lehren und Entdeckungen sehr eingenommen und schickten ihm eine Depesche: «Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft, - wir arrangieren die Vorträge noch einmal, sobald Sie wieder gesund sind.»

Als dann Huter kam, hatten wir die Absicht, ihm zuerst die Stadt, die grossen Schiffe und die See zu zeigen. Wir holten ihn am Bahnhof ab und der erste Eindruck von ihm war erstaunlich. Er sah nach meiner Auffassung aus, als käme er geradewegs von einer grossen herrlichen Kunstreise aus Italien. Zu mir meinte er: «Ich hätte Sie mir älter vorgestellt.» Er war von grosser Herzlichkeit und Freundlichkeit, jedoch geistig so stark auf die Vorträge und sein Vorhaben konzentriert, dass nichts anderes mehr in Frage kam.

Erst nach drei Wochen zeigte ich ihm die noch neue Funkstation am Hafen, die ein Freund von mir bediente. Er liess sich über alles genau unterrichten und war von dem Resultat sehr eingenommen. Als ich ihn über die grosse Schleuse mit dem tiefliegenden Wasser führte, sagte er: «Wir müssen schnell gehen, das Wasser übt auf mich einen eigenartigen Einfluss aus; mein Vater war Wasserbaumeister, rettete seinen Vorgesetzten vom Ertrinken, zog sich eine Lungenentzündung zu und starb an ihren Folgen. » - Doch ich schweifte etwas ab.

Es ist schade, dass wir den 1. Vortrag nicht Stenographieren liessen, denn er übertraf an Grossartigkeit und beweisführenden Experimenten alle Erwartungen.

Nach einem weiteren Vortrag hatte ich in meinen Gedanken den starken Wunsch nach einem Gedicht, das die Lehre Huters so recht schön illustrieren sollte. Mit diesen Gedanken kam ich in das bestens bekannte Seemanns-Hotel (5), wo Huter wohnte. Die Begrüssung war freudig, aber alsbald meinte Herr Huter, ich möge mich doch ein wenig setzen. Das war mir gerade recht und so konnte ich noch in Ruhe über das zu verfassende Gedicht nachsinnen. Herr Huter sass am Schreibtisch und ein Blatt Papier nach dem andern wanderte zerknüllt in den Papierkorb, bis er mir freundlich ein Blatt überreichte und sagte: «Sie haben mich zum Dichten angeregt, bitte, das schenke ich Ihnen. Das gewünschte Gedicht, um das ich mich vergeblich bemüht hatte, war da. Es sind die ersten zwei Strophen des allen Freunden bekannten schönen Gedichtes: «Was ist Carl Huters Psycho-Physiognomik?» (6) Das Blatt hängt heute noch eingerahmt in meinem Arbeitszimmer, - nur die Zeit hat es vergilben lassen.

Im Sommer 1907 konnte ich einen längeren Unterricht bei Huter nehmen. Alle Schüler waren sich einig, darunter zwei Studenten im letzten Semester, dass man bei Huter in Stunden und Wochen mehr lerne als sonst in Jahren. 

Ich beobachtete ihn gerne und erkannte, dass, im Ganzen gesehen, der architektonische Kopfbau bei ihm noch andere, vollendetere Proportionen hatte, als man sie allgemein antrifft. Auch der Stirnbau war von einer ganz besonders feinen Struktur, wie auch der Faserbau seiner grossen Augeniris. Huter war gesund, sein Körperbau zeigte Muskelplastik, aber alles war dabei sehr verfeinert. Es ging ein selten glücklicher und auch starker Einfluss von ihm aus. Dafür ein Beispiel aus seiner Detmolder Zeit: Es war ein Vortrag in Kassel angesetzt und bald hohe Zeit zum Bahnhof zu gehen. Aber Herr Huter kam nicht, er arbeitete an seinem Stehpult - (er hat seine Werke wohl meist im Stehen geschrieben). - Als es aber höchste Zeit war, ging es mit Gepäck und Gefolge zum Bahnhof. Der Zug stand auf dem etwas erhöhten Bahndamm und wollte gerade abfahren. Herr Huter rief hinauf: «Der Zug muss warten, bis ich komme.» Der Beamte sah herab und der Zug hielt. Huter umarmte ein Kind nach dem andern, nahm fröhlich von allen Abschied und ging dann zum wartenden Zug.

Allgemein erweckte seine Erscheinung Aufmerksamkeit, Sympathie und Zutrauen. In der Grossstadt z. B. wurde er sehr häufig von Leuten ehrfurchtsvoll gegrüsst, die er nicht kannte und die offensichtlich durch das Besondere, das von ihm ausging, beeindruckt waren.

Sonst war Huter sehr bescheiden, aber mit Arbeit sehr überlastet. In erster Linie widmete er sich seinen Forschungen, er musste Menschen studieren, gute und schlechte, gesunde und kranke. Dann kam der praktische Erwerb, worauf er angewiesen war; er leitete seine Heilanstalt, er musste seine Werke schreiben, illustrieren, drucken lassen und schliesslich auch für den Absatz derselben sorgen. Er musste Vorträge und Unterricht halten, kurz gesagt, rastlos tätig sein. Das wäre alles noch gut gegangen, denn es steigerte seine Kraft.

Keiner von uns hätte wohl geglaubt, dass er Huter überleben würde; man dachte, Huter würde wohl 100 Jahre alt, so stark war seine Lebens- und Schaffenskraft. Das Denken fiel ihm so sehr leicht und er vergass fast nichts.

Aber allmählich fanden sich Gegner seiner Lehren, die sich schliesslich vereinten, um ihn systematisch zugrunde zu richten. Auch mit diesen wäre er sicherlich fertig geworden, wenn nicht das persönliche Leid gewesen wäre, das man ihm unverschuldet antat; das schwächte die Herzkraft des so fein und tief empfindenden Menschen. Es war, wie man sagt, für das arme Herz zu viel.

Huter war kein realer Gegenwartsmensch, - und wie furchtbar dieser werden kann, das lehrten eindeutig die letzten zwei Jahrzehnte. Huter war ein Lebenskünstler, der Lebensfreude zugeneigt; er rauchte auch mal eine Zigarre oder Zigarette, jedoch nur einige Züge, dann legte er sie fort. Er trank auch mal Wein oder Bier, aber nur wenig. Er ass Fleisch nur mit Brot, Gemüse usw., nie allein. Obst, Nüsse und Südfrüchte standen bei seiner geistigen Tätigkeit stets für ihn bereit. Er machte fast täglich einen Weg, nahm uns mit und erklärte unermüdlich das eine oder das andere aus seiner Lehre. Der oberste Beamte der Provinz war bei ihm zur Kur, doch Huter ging mit uns. 

Ein Herr liess sich von ihm beurteilen, der sich ihm als Baron vorstellte. Huter lächelte und sagte bald: «Sie sind kein Baron, sondern aus altem Freiherrngeschlecht.» Er hatte dies aus bestimmten Merkmalen erkannt. Der Herr nannte seinen richtigen Namen und war bald von Huter so eingenommen, dass er ihm gerne jeder­zeit bei Kaiser Wilhelm II. eine Audienz vermitteln wollte. Wir baten Huter einst, den Vorschlag doch anzunehmen. Er lehnte ab und sagte: «Der Kaiser liegt im konstanten sanguinischen Temperament.» (7)

1911 hielt ich einen Vortrag im Künstlerhaus in Leipzig, wo gleich nebenan Herr Huter sein Museum und seine Volkshochschule errichtet hatte. Ich fragte ihn: «Herr Huter, man sagt allgemein, 1913 komme der grosse Weltkrieg. Kann das wohl stimmen?» - Sein Auge wurde traurig und er sagte: «Der Krieg kommt, aber erst Mitte bis Ende 1914.»

Dann wurde ein Herr gemeldet, den er ausnahmsweise behandelte. Ruhig sagte er zu diesem: «Herr Kupfer ist ein Schüler von mir, bitte erzählen Sie doch, wie es Ihnen ergangen ist.» Der Herr gab seine wohl zum grossen Teil selbstverschuldete Leidensgeschichte bekannt und betonte: «Herr Huter hat mir das Leben gerettet.» Ich horchte auf, als Herr Huter sagte: «Sie sagten, ich hätte Ihnen das Leben gerettet. Ich bin, wie Sie wissen, unverschuldet in Bedrängnis; helfen Sie mir nun auch, leihen Sie mir den für Sie kleinen Betrag, den ich benötige, um meine Institute zu erhalten.» Der Herr wandte sich hin und her, wiegte den Kopf, nahm Hut und Mantel, lehnte ab und verab­schiedete sich. Huter sagte: «So geht's und steht's.»

Im Verein Volksgesundheit in Dresden hielt ich Vorträge über Huters Heilmethode. Er wohnte jetzt in Dresden bei der Grossmutter seiner beiden jüngsten sehr lieben Kinder, und so konnte ich ihn besuchen und ihm einige Freude bereiten. Huter sah nicht etwa krank aus, nur sehr matt, aber ruhig und erhaben. Wie gerne hätten wir ihm einen Aufenthalt im schönsten Kurort ermöglicht. 

In seinem Zimmer standen schöne Blumen, mit denen er Experimente mit wertvollem Resultat machte. 

Er hielt meine junge Gattin, die er schon durch früheren Briefwechsel kannte, den ganzen Tag bei sich und gab ihr sehr gute Ratschläge. (8)

Man sagte mir, er habe einen sehr schweren Herzanfall gehabt, selbst geglaubt, sein Ende sei gekommen, - eine plötzliche Wendung habe ihn hoffen lassen, doch noch seiner Lehre leben zu können. (9)

Er nahm mich mal beiseite, zeigte auf seine Hand und sagte: «Sehen Sie, das Leben zieht sich schon zurück, es ist die Totenhand.» - Er erteilte noch täglich Unterricht, - sicher war das viele Sprechen nicht gut. (10)

Nach einem Vortrag waren wir noch mit seinen Schülern spät abends zusammen. Jemand sagte zu mir: «Wie lange kann Herr Huter wohl noch leben?» Ich war erschrocken und sagte nach kurzem Besinnen: «Noch drei Wochen. Er müsste grosse Ruhe und Schonung haben.» - Die Unterhaltung stockte, die Worte waren gefallen, aber niemand glaubte wohl, wir selbst auch nicht, dass es tatsächlich so kommen würde. (11)

Der Nachtzug kam früh in Breslau an, wer stand am Zuge? Herr Huter war da und erwartete uns. Wir stiegen aus, es war kühl, frostig und neblig. Wir gingen zusammen schnell in ein nahes Hotel, dort war es warm und angenehm. Wir lernten die edle Persönlichkeit Huters nochmals bewundern. Als ein Gast im harmonischen Typus in den Raum kam, blickte Herr Huter auf, freute sich und sagte einiges über dessen Naturell. Wir begleiteten Herrn Huter noch ein Stück in die Stadt, er wollte zu einem Schüler. Noch sehe ich ihn im Geiste, wie er zum Abschied mit dem Hut winkte, - es war das letzte Mal. (12)

Drei Wochen später erhielten wir, zutiefst erschüttert, die Todesnachricht.

Nur einiges konnte ich hier kurz berichten.

Die Grossmutter (13) seiner Kinder erzählte: Huter scherzte mit den Kindern (14), es war gegen Mittag, lehnte sich dann aber zurück und sagte: «Ach, ich bin so müde.» Sie habe die Kinder in ein anderes Zimmer geführt. Als sie nach 5 - 10 Minuten zurückkam, habe Huter noch genauso gelegen; aber er sei ihr so merkwürdig still vorgekommen, sie ging näher hin - er war tot, - ein Herzschlag hatte ihn erlöst.


Fussnoten

(1) Aus: «Form und Geist», Zürich, 1951, Heft 10, Oktober, 10. Jahrgang. 

(2) Geb. am 3. April 1879 in Alsum bei Dorum, Landkreis Cuxhaven, gestorben am 20. März 1952 in Schwaig bei Nürnberg. Schüler von Carl Huter. Er hat Carl Huter im Februar 1907 in Bremerhaven persönlich kennengelernt und dann bis zum Tod Huters regelmässig getroffen und korrespondiert.

(3) Diese Szene stammt aus dem Monatskurs, den Amandus Kupfer 1907 und 1908 in Detmold besuchte. Während dem Monatskurs sollten die Teilnehmer Kontakte mit Drittpersonen auf das Minimum reduzieren. Huter wollte vermeiden, dass seine Schüler während dieser Zeit ungünstig beeinflusst werden. Wenn der Schüler die Hutersche Antwort erteilt, wird er wohl danach in Ruhe gelassen werden. Es ist eine alte Erfahrung, dass Neues oft vorschnell bekämpft wird.

(4) Einer davon war William Uhlmann aus Chemnitz (ca. 1875 - ca. 1935). Er wurde 1907 ein Huter-Schüler, zusammen mit Amandus Kupfer. In den Jahren 1908 und 1909 hat er Huter bei der Vorbereitung und Durchführung seiner Vorträge unterstützt. Er war um 1910 in Frankfurt a.M. als Referent tätig. Sein starker sächsischer Dialekt war den Vortragsbesucher und den Vortragsbesucherinnen unerträglich. Er ging zurück nach Chemnitz. Er blieb ein Huter-Freund, hielt aber kaum Vorträge.

(5) Hermann’s Hotel, Bürgermeister-Smidt-Strasse, Bremerhaven. Es besteht nicht mehr.


(6) Carl Huter hat es bald danach um zwei weitere Strophen ergänzt und den Titel abgeändert in «Meiner psycho-physiognomischen Lehre Sinn und Wahrheit», erschienen in Carl Huter: Illustriertes Handbuch der Menschenkenntnis, 1910.

(7) Das muss 1907 oder 1908 gewesen sein. Menschen mit ernster Grundhaltung oder ernstgemeinte Ratschläge vermögen nichts zu bewirken. Das sanguinische Temperament war seit jungen Jahren ungewöhnlich stark.

(8) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt. 

(9) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt. Huter war leberleidend in Verbindung mit Herzschwäche. Letzteres wurde vom Arzt, der den Totenschein ausgestellt hat, als Todesursache angegeben. Huter war wegen diesen Schwächen ab 1909 oder 1910 in dauernder ärztlicher Behandlung. Im Sommer machte er in einem Naturheilbad in Görlitz eine zweimonatige Kur. Es wurde von den Eheleuten Reckziegel betrieben, die er wohl von seinen Vorträgen her kannte.  

(10) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(11) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(12) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(13) Amalie Fleischhacker, geb. Metger, 1853 – 26.11.1924, Dresden, Grossmutter der zwei jüngsten Kinder von Huter. Sie stammt aus St. Gallen. Ihr Vater ist aus Emden (Ostfriesland / Niedersachsen) zugezogen und war Kaufmann von Beruf.

(14) Johannes, geb. 26.12.1910, Dresden, - 18.12.1990, und Rotraut, geb. 15.1.1912, Dresden, - x.x.1982, Australien, damals knapp 2-, resp. 1-jährig.


2. Diverses

  • Carl Huter lag im harmonischen und genialen Empfindungsnaturell. Seine Körpergrösse war mässig, ebenso die körperliche Fülle.
  • Carl Huter hat durch seine Erscheinung, die als abgerundet und schön empfunden wurde, bei vielen Menschen sofort Sympathie hervorgerufen. 
  • Carl Huters Empfinden war besonders fein und tief. Er litt unter negativen Einflüssen und Ereignisse viel stärker als einer normaler Mensch. Dies konnte zu einem unruhigen, gereizten Zustand führen, trotz aller Duldsamkeit und dem Bestreben, alle Unvollkommenheiten, alle Schwierigkeiten siegreich zu überwinden. Immer wieder kam auch zu seelischen und körperlichen Belastungen, die Stunden oder Tage andauerten, und ihn seine Leistungsfähigkeit tangierten. Kriegerische Ereignisse hat er lange im Voraus wahrgenommen.
  • Carl Huter hatte kaum Mitstreiter an seiner Seite, die ihm hätten Hilfe leisten können, materiell, ideell, seelisch, etc.
  • "Als Huter noch lebte und für seine Lehre kämpfte und wirkte, fand er nicht die richtigen Menschen, die befähigt waren, in umfassender und grosszügiger Weise dafür tätig zu sein." Zitiert aus Amandus Kupfer: Grundlagen der Menschenkenntnis, Band II, 1. Auflage, 1921 sowie 2. Auflage, 1922 


3. Mündliche Überlieferungen
Aufgeschrieben von Berta von Thurn (1), (2)
Fettdruck und Gliederung durch die Carl-Huter-Stiftung 

Wie war Carl Huter, erzählen Sie doch bitte etwas von ihm" - so baten wir oft Amandus Kupfer (3), den getreuen Schüler Carl Huters und unermüdlichen Kämpfer und Verfechter seiner Lehren. 

Er berichtete dann von seinen Erlebnissen und Erinnerungen und bekam sofort einen sehr liebevollen und glücklichen Ausdruck und sagte: Ja, unser Meister war ein ausserordentlich feiner und lieber Mensch, er war voller Wohlwollen und Freundlichkeit, er besass eine Lebenskraft, die ihn hätte 100 Jahre alt werden lassen können, hätte man ihm nicht so viel Kampf und Herzeleid bereitet. Er arbeitete unausgesetzt an seiner Lehre, und selbst im Sommer bei grösster Hitze verhielt er sich ganz ruhig und arbeitete.

Es war ein seltener Mensch. Wir gingen z. B. in ein grosses Lokal, um jemanden zu treffen; er sah diesen schon beim Eintreten, ja, er fühlte ihn und ging sofort auf ihn zu. Aber auch die Gäste im Lokal wurden durch sein Kommen aufmerksam, und alles schaute ihn an, denn er sah aus wie ein Künstler, der eben aus Italien kam, frisch und geistesfroh.

Er konnte sich herzlich freuen, wenn er einen lieben Freund wiedersah - er konnte aber auch tieftraurig sein, wenn er einen Freund verlor, wenn ihm dieser untreu wurde, es war ihm dies schlimmer als ein Todesfall.

Wenn Carl Huter auf Vortragsreisen ging, so begleiteten ihn oft Frau und Kinder bis an den Bahnsteig. Einmal war die Zeit schon sehr knapp und der Zug wollte abfahren, da rief er mit lauter, weittragender Stimme: Halt, Zugführer, Halten, bis ich komme. Und dann nahm er noch Abschied von seinen Lieben, herzte und küsste sie. Und der Zug wartete, bis er kam. Ja, das waren noch andere Zeiten, da galt noch der Mensch, heute sind es Vorschriften und Verordnungen, die ihn beherrschen. (4)

Um das Jahr 1900 stand das Geistige in hoher Blüte, es herrschte grosse Freiheit und Toleranz. Hätten die damaligen Reichen und Machtvollen sich seiner Lehre angenommen, wäre unserem Volke manches Schlimme erspart geblieben, so aber nahm das Schicksal seinen Lauf - und auch heute ist es nicht anders.

Einmal sah Carl Huter auf der Strasse einen Polizisten, dessen markante Unterkieferbildung ihm auffiel; er ging auf ihn zu und sagte: Nehmen Sie doch mal Ihren Helm ab, Sie haben ja das Kinn des Kriegers. Der Polizist gehorchte, und schon nahm Huter Bleistift und Notizblock hervor und zeichnete diese Kinnform ab, bedankte sich, und der Polizist setzte seinen Helm wieder auf.

Carl Huter besass eine sehr wohltönende Stimme. Er machte einmal eine Dampferfahrt auf dem Rhein, auf dem Schiff waren lauter fröhliche Menschen. Er ging auf Deck und sang das Lied "An den Rhein"; er begeisterte mit seiner melodischen Stimme die Fahrgäste und alle sangen mit. (5)

Einmal, erzählte Amandus Kupfer, war ich in Bremerhaven auf dem Wege zu Carl Huter und war sehr in Gedanken mit einem Gedicht über seine Psycho-Physiognomik beschäftigt. Als ich in Huters Zimmer eintrat, stand er an seinem Schreibpult - er schrieb meistens im Stehen - und sagte ganz schnell: "Bitte, Herr Kupfer, setzen Sie sich, setzen Sie sich; Sie regen mich zum Dichten an." Ein Blatt Papier nach dem andern wanderte in den Papierkorb, und beinahe wurde ich ungeduldig, aber Carl Huter sagte: "Warten Sie, warten Sie", und schliesslich gab er mir ein Blatt in die Hand mit dem Gedicht: Was ist Carl Huters Psycho-Physiognomik? Es wurde zum Leitgedicht in seinem "Illustrierten Handbuch".

Wenn ich frühmorgens zu ihm in sein Schlafzimmer kam und er noch im Bette lag, sah er wunderbar heliodisch aus, voll seltener Schönheit, und die Stirn zeigte die ganze Hoheit und Kraft, die Tiefe und Genialität seiner Gedanken.

Als Carl Huter in Hamburg Vorträge hielt, wollte ich ihm die See zeigen, und wir fuhren nach Cuxhaven. Es war schon spät am Abend und wir standen an der Mole nahe dem Leuchtturm. Die See brauste und brandete, und wir mussten sehr laut sprechen, um unsere Worte überhaupt zu verstehen. Auf einmal rief es vom Leuchtturm herab: Amandus, bist Du das? - Ja, ich bin es, wer bist denn Du? Es war ein alter Schiffskamerad, der mich an der Stimme erkannt hatte. Nun gingen wir beide den Leuchtturm hinauf, und mein alter Kamerad erklärte uns alles, liess alle Signale ertönen, alle Blinklichter aufleuchten. Alles hatte Carl Huter sehr interessiert und tief beeindruckt.

Manchmal machte er studienhalber schon sehr früh am Morgen einen Besuch, da der Mensch nach dem Erwachen anders aussieht, als wenn er sich für den Tag hergerichtet hat. Er studierte die verschiedene Wirksamkeit der Helioda.

Als ich ihn im November 1912 mit meiner Gattin in Dresden besuchte, war er schon schwer krank. Er prüfte in unserer Gegenwart noch einen Schüler und verbrachte dann mehrere Stunden mit uns, wobei er uns hauptsächlich noch Erklärungen zu seinen kallisophischen Lehren gab. Als wir ihm noch einen Abschiedsbesuch machen wollten, trafen wir ihn nicht mehr an. Wir fuhren nach Breslau. Als wir dort morgens gegen 6 Uhr ankamen, wir trauten unseren Augen nicht, stand Herr Huter am Bahnsteig und erwartete uns. (6) Wir verbrachten dann zusammen noch einige schöne Stunden in einem Hotel - es waren die letzten.

Es liesse sich noch manches erzählen, ein andermal weiteres. Man kann verstehen, dass Amandus Kupfer die Lehren Carl Huters mit allen Fasern seiner Seele in sich aufgenommen hat, und was er im Unterricht gelernt hat, gab er später in seinen Schriften wieder. Und so sind es besonders die "Grundlagen der Menschenkenntnis", welche die Lehren Huters weitertrugen und viele Menschen begeisterten.

(1) Aus: "Der gute Menschenkenner", 1958, Heft 6, Juni, 6. neuer Jahrgang

(2) Berta von Thurn (1901-1987), seit ca. 1920 Mitarbeiterin von Amandus Kupfer und Teil der Familie Kupfer, Schwaig bei Nürnberg

(3) Siehe Fussnote (2) in Ziffer 1 oben.

(4) Diese Begebenheit hat Amandus Kupfer wohl nicht selbst erlebt. Vermutlich stützt er sich auf eine Schilderung von Carl Huter.

(5) Diese Begebenheit fand wohl im Sommer 1899 statt. Demnach hat sie Amandus Kupfer nicht selbst erlebt. Vermutlich stützt er sich auf eine Schilderung von Carl Huter.

(6) Huter war in Begleitung von Irma Fleischhacker, seiner Mitarbeiterin.



 

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Diese Seite wurde vom 17. bis 19. Januar 2022 erstellt. Diese Seite wird regelmässig geprüft und angepasst, letztmals am 2. und am 13. Februar 2022 sowie vom 24. bis 26. Mai 2022.

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