Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

2A4. Carl Huters Diagnosekunst - Teil II

Quelle: Aus eigener Kraft, 1911. 
VI. Carl Huters Tätigkeit auf dem Gebiete der Heilkunde, seine Begründung der wissenschaftlichen Krankenphysiognomik und einer darauf aufgebauten Heilwissenschaft.


Die praktische Anwendung des neuen Diagnose-Systems in Bezug auf Untersuchung und Beratung von Gesunden und Kranken.

Bericht über den zweiten Teil des Vortrages mit Demonstrationen, gehalten von Carl Huter am Abend des 12. Dezember 1897 in seinem damaligen Sanatorium in Detmold, Elisabethstr. 37. Aus der Broschüre "Medizin, Wasserkur, Diät und Diagnose in der Heilwissenschaft der Zukunft". 

Nachdem Herr Direktor Huter den theoretischen Teil seines Vortrages beendet hatte, bat er mehrere Herren aus dem Kreise der Anwesenden, sich auf ihren Gesundheitszustand untersuchen zu lassen. 

Erklärung: Der erste Herr, der vortrat, erklärte auf Befragen, dass er Herrn Huter nur einmal im Naturheilverein gesehen habe und ihm sonst völlig fremd sei. 

I. Gesundheitszustand und richtige Heilmittel. 

Darauf betastete Herr Huter dessen Schultern, Rücken, Becken und Brustbau, sowie die Muskulatur der Arme, des Halses und der Beine, befühlte den Puls und sah dem Herrn mit forschenden Blicken ins Gesicht, in die Augen und betrachtete schliesslich von allen Seiten den Kopf und die ganze Figur und erklärte darauf: 

  • Dieser Herr ist chronisch magenleidend und hat viel mit Verdauungsbeschwerden zu tun, die Leber ist nicht in der normalen Verfassung.
  • Der Herr müsste in einem evtl. Krankheitsfalle mit Wärme behandelt werden, eine Kneippkur würde die Krankheit nicht bessern, denn das schroffe Kaltwasserverfahren würde diesen Körper zugrunde richten. 
  • Kaltes Wasser kann der Herr nur vertragen im Verhältnis 1 zu 2, also wenn ihm doppelt so starke Wärmequantitäten zugeführt worden sind, als ihm in der Nachbehandlung durch kaltes Wasser Wärme entzogen wird, nur dann tritt eine günstige Reaktion ein.
  • Ohne vorherige Wärmezufuhr durch Dampfbäder, Sonnenbäder oder warmes Wasser oder sonstige Wärmemittel schadet ihm das kalte Wasser, weil der Körper nicht fähig ist, selbst genug Wärme zu produzieren.
  • Die Kälteeinwirkungen dürfen auch nur in milden Temperaturen und von kurzer Dauer, etwa 24 — 30° R bei 2 — 6 Minuten, sein, um eine günstige Wirkung zu erzielen. Sie sehen daran, wie die Kneippschen Güsse, die gewöhnlich von 6 - 16° R gegeben, stets unter 20° R gehalten werden, für manchen Menschen zum Verderben gereichen können, daher haben die Kuhneschen Rumpfbäder, die Kuhne in seinem Lehrbuche mit 18° R 15 Minuten Dauer als Heilmittel gegen alle möglichen Leiden angibt, ebenfalls nicht immer den guten Erfolg gehabt. 

II. Die Lebens- und Reaktionkraft.

  • Die Lebenskraft dieses Herrn ist stark, trotzdem das Herz geschwächt ist und nicht mehr über die normale Kraft verfügt; der Körper kann daher viel an Krankheiten oder an Entbehrungen vertragen, aber nur dann, wenn er die nötige Wärme erhält und zu starke Abkühlungen meidet. Sie sehen daran, dass auch die Theorieen von Kneipp und Kuhne bezüglich der Reaktionskraft eines Körpers auf das kalte Wasser falsch sind, denn diese Autoren lehren, überall da, wo eine genügend starke Lebenskraft vorhanden sei, würde das kalte Wasser seine Wirkung nicht versagen und jedes Übel heilen.

III. Wichtige Charaktereigenschaften. 

Was von vielen Ärzten, Heilbeflissenen und Krankenpflegern übersehen wird, das ist die Bedeutung der seelischen Grundkräfte, Neigungen und Triebe, die zur Hervorbringung von Lust oder Unlust im Körper eine viel grössere Rolle spielen als man gewöhnlich annimmt. Durch grosse Gemütserregungen sind schon schwere Krankheiten geheilt, umgekehrt sind auch durch sie die langwierigsten Leiden hervorgerufen. Nicht nur die physikalischen Heilfaktoren, sondern auch die psychischen spielen in meiner neuen Heilwissenschaft eine grosse Rolle. Lebensfreude und seelische Genüsse sind ebenso wichtige Heilfaktoren wie Wasserbehandlung und Diät. 

  • Charakteristisch für diesen Herrn ist die Neigung zur Andacht, der Sinn für das Erhabene, das Interesse für Poesie, für Schönheit und Wissenschaft, kurz für feine geistige Anregung, Umgang und Beschäftigung. 
  • Die Diät muss gemischt, genussreich und sehr milde zubereitet sein.

Für einen Arzt ist es wichtig, zu wissen, wie jemand zu erregen, zu beruhigen, zu erzürnen oder zu erfreuen ist, um darnach das Üble fernzuhalten, das Heilsame anzuordnen. Der Arzt, der dies unbeachtet lässt, wird mit physikalischen Mitteln allein nie die Erfolge erzielen wie der psychologisch geschulte Heilbeflissene. Auf unseren Hochschulen wird von dem medizinischen Studenten hauptsächlich Anatomie studiert, sie bildet den Kern seiner anthropologischen Studien. Was nützt aber dies nachher dem praktischen Arzt, der zwölf Semester Anatomie studierte, wenn er nicht imstande ist, einen lebenden Menschen nach seiner biologischen Individualität zu beurteilen? — Seine Anatomie führte ihn zur Mikroskopie und von da zur Bazillentheorie und hier weiss die Medizin keinen rechten Ausweg mehr. Die Naturheilkunde kam daher der Wahrheit vielfach näher, indem dieselbe das Schwergewicht nicht so sehr auf Anatomie und Physiologie, sondern vielmehr auf die Resultate der Biologie, auf die Gesetzmässigkeit der Lebenskräfte und Organenfunktionen legte. 

Schon die Physiologie führte mit eiserner Konsequenz zur physikalischen Heilkunde, und man kam aus dem Labyrinth der verworrenen medizinischen Lehren wieder auf den richtigen Weg. Verkehrt wäre aber die Anschauung, mit dieser modernen Naturheilkunde sei die Heilkunst erschöpft; dem ist nicht so, denn die Naturheilkunde ist eine sich in der Entwickelung befindende Wissenschaft. 

Vieles Gute ist errungen, aber manches muss noch verbessert werden. Die Physiologie führte zu gewissen Normen in der Anschauung der Naturärzte über Leben und Krankheit, Kur-und Heilmittel, die im grossen und ganzen beachtet bleiben sollen, aber nicht zum Dogma erhoben werden dürfen; denn es gibt für keine Krankheit ein Allheilmittel, dieweil jede Krankheit nur Störung der normalen Funktionen bei einer Individualität ist.

Begriffe von Typhus, Diphtherie, Lungenentzündung, Cholera, Tuberkulose usw. sind nicht absolut, sondern relativ aufzufassen; absolut ist nur eine Krankheitsart, nämlich die unheilbare, mag sie Namen und Ursache haben, welche sie wolle. Jede andere Krankheit im landläufigen Sinne kann daher nicht nach dem Heilverfahren einseitiger Lehrbücher geheilt werden, sondern muss individuell behandelt werden, von Fall zu Fall, gewöhnlich verschieden. Hin und wieder werden mit denselben Mitteln gleiche Krankheiten bei verschiedenen Personen geheilt. Daraus ergibt sich aber, dass es in erster Linie nicht immer auf die Behandlung der Krankheit eines Menschen direkt ankommt, mit den und den bestimmten Heilmitteln, sondern auf die Behandlung des Menschen selbst, in dem krankhafte Störungen aufgetreten sind. 

So kann z. B. ein Nierenleiden entstanden sein von Erkältung, von zu übermässigem Genuss von Fleisch oder Alkohol, von Geschlechtsleiden und anderen Ursachen. Eine Lungenentzündung kann bei empfindsamen, wärmearmen Personen im Winter leicht entstehen durch mangelhafte warme Nahrung und warme Kleidung, besonders wenn sich solche Person von der trockenen Ofenhitze ins Freie begibt und sich den kalten Nordwinden aussetzt, aber auch von Verdauungsstörungen, selbst von Syphilis. Daher kommt es, dass Lungenentzündung beim Einen mit warmen, beim Andern mit kalten Umschlägen geheilt wurde, und was bei dem Einen gut war, schadete dem Andern. Das liegt einmal an den verschiedenen Krankheitsursachen und zweitens an der verschiedenartigen Reaktionskraft der verschiedenen Personen. Demnach kommen nach meinem System bei jeder Krankheit die zu beobachtenden Faktoren nach folgender Reihenfolge in Betracht:
1. die eigenartige körperliche und seelische Verfassung des Individuums,
2. die Krankheitsursachen,
3. die Örtlichkeit und die Art des Leidens selbst.
 

Auf Grund dieser gefundenen Erkenntnisse lässt sich dann feststellen, wie eine Person, die von einer beliebigen Krankheit befallen ist, behandelt werden muss, kalt, warm oder mit indifferenten Temperaturen, mit Trocken- oder mit Wasserkuren, total oder partiell, mit Massage, Gymnastik, Packungen, Güssen, Waschungen, Obst- oder Fleischkost, Gemüse, Mehlspeisen, Tees oder Nährsalzen usw. 

Aus diesem Grunde trete ich für individuelle Behandlung ein, auf Grund meiner Peripherie-Diagnose, und arbeite seit vielen Jahren eifrig und im Stillen meine diagnostische Wissenschaft, Lebenslehre und Heilmethode aus, mit der ich von jetzt ab mehr als bisher in die Öffentlichkeit treten werde, und nun, meine Herren, überzeugen Sie sich durch die Darlegungen meiner Untersuchungen bei dem untersuchten Herrn selber. 

Darauf fragte Herr Huter den Betreffenden nach seinem Namen und ob die Beurteilung stimme. 

Der Herr erhob sich vor der Versammlung und erklärte: 

  • Mein Name ist Voth, die Aussagen des Herrn Direktor Huter stimmen in allem überein, denn ich bin tatsächlich mehrere Jahre magen- und darmleidend und habe gefunden, dass ich mich bei der kalten Wasserbehandlung immer mehr herunterbrachte, selbst bei frischer Luft erkältete ich mich, die Wärme hielt mich hoch. Meine Lebenskraft muss sehr zäh sein, denn ich habe viel durchgemacht, und wenn ich schwer darniederlag, erholte ich mich immer wieder. Was die Kost anbetrifft, so befinde ich mich, wie Herr Huter richtig sagte, bei milder gemischter Kost am besten, vorzugsweise bei Obst, Fleisch, Milch und leichtes Gemüse. Auch die seelischen Neigungen sind zutreffend beurteilt und ich muss mich wundern, wie Herr Huter, der mich sonst nicht näher kennt, aus meinem Äusseren eine so sichere Diagnose stellen kann. 

Der Redner dankte für diese Erklärung und sagte: Verehrte Anwesende, ich könnte noch viel mehr und detaillierter diesen Herrn beurteilen, wenn ich auf alle Einzelheiten eingehen würde, es wird für Sie aber jedenfalls interessanter sein, wenn ich mehrere der Anwesenden und zwar in den hauptsächlichsten Eigenschaften untersuche, wie es von diesem meinen neuen heilwissenschaftlichen Standpunkte aus von besonderem Interesse ist, und bitte ich, dass sich noch mehrere Herren, die mir unbekannt sind, zur Untersuchung melden. 

Darauf trat der zweite Herr vor und sagte: mein Name ist Bock, ich bin Ihnen schon mehrere Male auf der Strasse begegnet, näher kenne ich Sie nicht. Herr Huter bestätigte das. 

Nach wenigen Minuten war die Untersuchung beendet und das Resultat war folgendes: 

  • Verehrte Anwesende! Dieser Herr sieht sehr gesund und kräftig aus, trotzdem leidet er an stofflichen Belastungen, die zu Stoffwechselerkrankungen, wie Rheumatismus, Gicht, Kreislaufstörungen, selbst zu Herzschlag usw. führen können. Die Spannkraft des Herzmuskels ist eine sehr gute, aber die Ausdauer dieser Spannkraft kann unter gewissen Umständen nur für kurze Zeit ausreichend sein. 
  • Bei hohen Fieberzuständen würde das Herz bei diesem Herrn leichter zur Lähmung kommen als in demselben Falle bei dem vorhin untersuchten Herrn Both, trotzdem dort die Herzkraft an sich geschwächter ist; daher erklärt es sich, dass oft gesund aussehende Menschen bei leichter Krankheit schnell dahinsterben, kränkelnde Personen alt und im Alter noch gesund werden können. 

Ein Beispiel bieten uns zwei deutsche Kaiser. 

Kaiser Wilhelm I. war in der Jugend schwach und kränklich und erreichte trotzdem ein sehr hohes Alter, sein körperlich kräftiger Bruder König Wilhelm IV. starb viel früher; und der Sohn des grossen Kaisers, Kaiser Friedrich III., eine wahre Siegfried-Gestalt, der viele Schlachten geleitet hat und als Urbild gesunder deutscher Männlichkeit galt, starb schon in den Fünfziger Jahren am Krebsleiden. 

  • Dieser Herr Bock müsste nun kalt behandelt werden, für den wäre eine Kneippkur am Platze, ferner wäre die Entziehung von Fleisch, Vermeidung von zu stark gewürzten Speisen und von Alkoholgenüssen, und dafür eine reine oder doch eine vorherrschende vegetarische Diät, besonders mit Eiern, Schrotbrot, Obst und Grüngemüse, Ölfett und Zitronensäure, Buttermilch, jungem Käse, aber wiederum bei Einschränkung von Butter, Vollmilch, trockenen Hülsenfrüchten, Mehlspeisen, Möhren, Kartoffeln und schweren Kohlarten zu empfehlen. Aber auch Luft-Licht-Erdbäder und Massage würden hier gute Dienste tun. 
  • Die Lebenskraft ist weniger stark, als bei Herrn Voth, denn es wäre, wie gesagt, bei schweren Fieberkrankheiten, Lungenentzündung, Gelenk-Rheumatismus usw., hier mehr Gefahr vorhanden als bei jenem Herrn, trotzdem die Muskelkraft hier eine grössere ist. 
  • Der Herr besitzt grosse Energie und Beharrlichkeit, sucht das einmal Angefangene, selbst wenn sich ihm Schwierigkeiten entgegensetzen, konsequent durchzuführen. Ferner ist eine Art Kompositionsgabe für geschmackvolle Zusammenfügung von Formen und Raumverhältnissen vorhanden. Auch der Erwerbssinn ist gut entwickelt, nicht aber in gleichem hohen Masse der Sparsinn. Der Herr verdient gern und versteht zu verdienen, ist aber kein Knicker; Geiz liegt ihm fern.
  • Der Mann schliesst nicht leicht Freundschaft, verhält sich mehr reserviert; hat er aber Freundschaft geschlossen, so ist er sehr treu und anhänglich. Auch Sinn für Musik und besonders für Gesang ist vorhanden. Wenn der vorhergehende Untersuchte mehr Genüsse findet in erhabener Poesie, Philosophie und Religion, so findet dieser Charakter mehr Vergnügen an Kunstgewerbe, bildender Kunst, Farbenschönheit, Mathematik und Naturwissenschaft. Das wären so die hauptsächlichen charakteristischen Eigentümlichkeiten, die ich hier aus Gesicht und Körperkonstitution feststellen kann, und nun überlasse ich es dem Herrn, sich hierzu zu äussern.

Herr Bock erwiderte: 

  • Ich litt mehrere Jahre an Rheumatismus und mir wurden von den Ärzten, die ich zu Rate zog, heisse Schlammbäder in Bad Weinberg, darauf Sool- und Schwefelbäder in Bad Salzuflen verordnet. Ich machte diese Wärmekuren durch ohne den geringsten Erfolg. Darauf badete ich diesen Sommer kalt und der Erfolg war eklatant. Die kalten Wasseranwendungen haben mein Leiden gebessert, auch bei vorherrschend vegetarischer Diät fühlte ich mich besonders wohl. Die von Herrn Huter vorher diagnosierten Eigentümlichkeiten meines Körpers und meines Charakters und auch die der Reaktionsfähigkeit auf die Lebensweise, Diät und Heilmittelanwendungen sind überraschend richtig nach seiner Untersuchungsmethode festgestellt. Ich kann gar nicht genug mein Erstaunen ausdrücken, wie es möglich ist, dass Herr Huter. solche Menschenkenntnis hat und eine derartige scharfsinnige Diagnosestellen kann, denn auch die geistigen Eigenschaften sind zutreffend beurteilt. Über meine Lebenskraft kann ich kein Urteil fällen, aber ich glaube, dass auch da das Richtige getroffen wurde, wenigstens nach meinem innern instinktiven Gefühl zu schliessen.
  • Auch in der Badeanstalt des Evangelischen Vereinshauses wurde ich mit Vollbädern und heissen Bädern vergeblich behandelt. Die Massage daselbst wirkte besser, aber nur vorübergehend .

Herr Huter dankte für diese Erklärungen und in den Reihen der Versammelten brach eine begeisterungsvolle Ovation mit lebhaften Bravorufen aus, denn was man hier gesehen und gehört hatte, das war kein Zufall, kein Raten, das war Talent, Wissenschaft, System.

Das Staunen stieg aber immer mehr, als sich der dritte Herr zur Beurteilung meldete, der dem Examinator ebenfalls völlig fremd war und sich als ein Herr Müller vorstellte.

  • Dieser Herr, so hob Herr Huter an, hat eine gute normale Herz- und Lebenskraft und hat sichere Aussicht, ein hohes Alter zu erreichen. Der Mann ist kein Freund von Wasserkuren, mögen sie warm oder kalt, stark oder milde sein, und er tut recht daran, denn die ganze Individualität ist nicht dafür geschaffen , trotzdem bessere Herz- und Lebenskraft vorhanden ist als bei den anderen beiden Personen. Dieser Körper braucht bei Krankheiten Trockenbehandlung Wärme durch Federbetten, Abkühlung durch kalte Luft, Kreislaufregulierungen durch Massage, Ableitung von Krankheitsstoffen durch Heilgymnastik usw. Der Herr braucht keine Leckerbissen, sondern ihm genügt eine einfache gemischte Kost, vieles Trinken würde ihm schaden, selbst mässiges Trinken, wie z. B. auf einmal 1/2 Liter Milch oder Bier oder Kaffee; Wein oder Wasser hat der Herr zu meiden, dieweil nur sehr geringe Flüssigkeiten diesen Körper gesund erhalten. Es gibt eine Tierart, die Nagetiere, die fast nie oder doch nur die minimalsten Quantitäten trinken und dabei gesund bleiben.

Die Mäuse vermehren sich rapide in trockenem Sommer und sterben dahin, wenn andauernder Regen eintritt. Wasser und Feuchtigkeit wirkt bei ihnen wie Gift, das zur tödlichen Seuche führt. Ebenso gibt es aber auch Menschen, welche nur die geringsten Flüssigkeiten geniessen dürfen und die nur bei möglichster Trockenkost gesund bleiben. Wasserkuren sind für sie direkt schädlich, gleichviel in welcher Form. Mir sind eine ganze Reihe Leute bekannt, die durch Kneippkuren nach wenigen Wochen oder Jahren starben. 

Es gibt Menschen, die schon eine Gänsehaut bekommen, wenn sie das Wort Wasser hören, und eine unwiderstehliche Abneigung gegen Bäder haben. Solche Leute können tatsächlich auch selten Güsse oder Bäder ertragen und nur in günstigsten Fällen Teilwaschungen oder Teilpackungen. Die Angehörigen solcher Personen, selbst viele Ärzte glauben, diese Furcht vor Wasser beruhe auf Einbildung, dem ist aber nicht so, sie beruht in der eigenartigen Konstitution des Körpers. Wie die Maus an der Feuchtigkeit so geht der Frosch an der Trockenheit zugrunde; was dem Einen ein Lebenselement ist, das ist dem Andern ein tödliches Gift. Psychisch ist dieser Herr so beanlagt, dass ein grosser Trieb für anstrengende körperliche Bewegung vorliegt, auch ist der Formensinn, das Augenmass, gute Beurteilung der Räumlichkeiten vorhanden, auch Sinn für Eigentum und Familie. In Gegenwart des anderen Geschlechts wird Herr Müller ganz besonders gut gestimmt, im einseitigen Umgang mit Männern würde dieser Herr in seinem Gemütsleben verkümmern. Der Sinn für Formenindividualität, also was z. B. ein Porträtmaler besitzen muss, ist stark ausgeprägt Der Ortssinn ist gut, der Herr findet sich leicht zurecht in fremden Städten und Gegenden, wo sich mancher andere alle Augenblicke verirren würde. 

Nun bitte ich, sich zur Sache selbst zu äussern.

  • Der Herr erwiderte: Das Meiste stimme, aber Talent zum Porträtmalen habe er nicht, weil er nicht einmal gut zeichnen könne.

Darauf erwiderte Herr Huter, 

  • in diesem Punkte hätte er ihn missverstanden, er hätte gesagt, das Formengedächtnis, die gute Auffassung für Formenindividualität sei stark und um dies verständlicher zu machen, habe er das Beispiel angeführt, dass ein Porträtmaler, um Grosses zu schaffen, diese geistigen Eigenschaften besitzen müsse, damit sei nicht gesagt, dass der Untersuchte nun auch das Zeichentalent eines Porträtmalers habe, im Gegenteil, dies sei schwach und könne sich überhaupt nie hoch entwickeln durch die natürliche Neigung seines Körpers für schwere, grobe Arbeiten, die eine besondere schwerfällige Druckenergie in sich schliessen; das ist beim Zeichnen aber gerade das, was vermieden werden muss, denn es erfordert, dass die Arme und Hände leicht geführt, also die grobe Druckenergie zurückgehalten wird; alle Druckkraft ist hierbei in den feinsten Modulationen ausdauernd zu beherrschen. Es gibt grosse geistreiche Kritiker, die unter Umständen einen besseren Formscharfblick besitzen als viele Kunstmaler, haben aber absolut kein Zeichentalent, selbst können sie kein Bild malen. 
  • Ähnlich so ist es mit Ihnen, ich meine, dass Sie mich nicht zum zweiten Male missverstehen: Sie besitzen einen guten Formensinn, den Sinn, den auch ein Kunstkritiker und ein Kunstmaler hat, aber Sie haben zum Porträtmaler kein Talent, weil Sie bei diesem vorzüglichen Formensinn kein Zeichentalent besitzen, glaube aber, dass Ihr Formensinn, in Verbindung mit der Druckenergie Ihrer Arme und Hände, Sie zum guten Bauhandwerker, Zimmermann, Tischler, Schlosser u. dgl. befähigen muss. 

Darauf sagte Herr Müller 

  • das stimme ganz genau, und er habe jetzt recht verstanden. 
  • Nachher entpuppte er sich als Bau- und Möbeltischler, wieder ein Beweis von dem Scharfblick des Psychologen und Physiognomen. 
  • Gutes Augenmass und Orientierungsgabe sei vorhanden, bei gemischter Kost und fester Arbeit fühle er sich wohl. Einfaches Essen und weniger Trinken bekäme ihm am besten. 
  • Von Wasserkuren sei er kein Freund, sonst sei er schon längst in den Naturheilverein eingetreten. Eigentlich krank sei er noch nie gewesen, in Damenkreisen sei er auch tatsächlich in ganz besonders guter Stimmung, trotzdem er verheiratet sei und mit seiner Frau sehr glücklich lebe. 
  • Kurz, alle Aussagen des Herrn Huter stimmten mit der Wirklichkeit überein, denn auch seine Herzkraft sei vorzüglich, das beweise die Lust und Ausdauer für körperliche Anstrengungen. 

Herr Direktor Huter dankte für diese Erklärung und sagte ungefähr folgendes: Bei diesem Herrn finden Sie ebenfalls meine Beurteilungen in allen Einzelheiten bestätigt. Der Herr ist weder ein Freund von Kneipp noch vom Kneipen, denn viele Flüssigkeiten schaden ihm, sei es Bier oder Wasser, sowohl innerlich als äusserlich.

Der glückliche Zufall wollte es, dass ich heute Abend gerade drei grundverschiedene Menschen vor Ihren Augen biologisch, physiologisch, psychisch und physiognomisch beurteilen konnte, die alle drei meine Urteile mit den eigenen selbstgemachten Erfahrungen übereinstimmend bestätigten. 

Ich kannte die Herren nicht und wusste weder von den Kuren und der Lebensweise des Einen noch des Anderen; daraus werden Sie die Überzeugung gewonnen haben, dass 

1. jeder Mensch von einem andern verschieden organisiert ist und darum die Namen für bestimmte Organe keine absolute, sondern nur eine relative Begriffsbedeutung haben, dass keine einseitige Methode, heisse sie Kneippsche, Oertelsche, Karlsbader oder Schlammbäder-Kur, so wenig für alle Krankheiten, noch für gewisse Krankheiten unfehlbar sei und zwar gerade darum, weil jeder Mensch ein Einzelwesen ist, das seiner Eigenart gemäss behandelt werden muss. Diese Worte sollen besonders den praktischen Ärzten, Homöopathen und Naturheilkundigen gelten, diein der Anatomie, Krankheitslehre und Therapie allzu schulgemäss mit ihren doktrinären Lehren vorgehen und dabei sehr wichtige Dinge bei der Krankenbehandlung übersehen.

Hieraus ergibt sich 

2., dass gewisse Lebensvorgänge in dem einen oder in dem anderen menschlichen oder tierischen Körper nicht zum allgemeinen Gesetz erhoben werden dürfen mit der Motivierung, dies Gesetz habe für alle andern Individuen die gleiche Gültigkeit und in seiner Anwendung auch die gleiche Wirkung. Mögen gewisse Normen als Massbeurteilung festgehalten werden, aber ein Dogma darf auch hier nicht herrschend werden. Hier komme ich nun auf den wunden Punkt, der in die Naturheilmethode hineingetragen wurde von Theoretikern, welche im Kreise der medizinischen Wissenschaft standen und die Besten unter ihnen waren und auf deren Theorien gerade die Naturheilkunde ihr Lehrgebäude stützt, nämlich auf die Lehren der modernen Physiologen. Die Heilmethode, welche sich auf den Resultaten der Physiologie fortpflanzte, musste ja naturgemäss der medizinisch-anatomischen Heilmethode überlegen sein, sie bedeutet einen grossen Fortschritt in der Heilpraxis, aber grösseres, besseres haben wir zu erwarten von der biologischen und psycho-physiologischen Heilwissenschaft der Zukunft, die in jedem Individuum nicht nur allein allgemein gültige Lebensgesetze, sondern auch besondere eigene, originale Gesetze erkennt, denn das persönlich Originale ist ja gerade das geistig Charakteristische, es ist überhaupt das, was unter den Begriff "Geist" gefasst wird. Ohne persönliche Originalität gibt es keinen Geist, denn wären alle Lebensgesetze, alle Lebenstriebe und Lebensäusserungen in jeglichem Individuum gleich, dann wäre ja das, was man Geist nennt, nichts anderes als der Ausfluss eines allgemeinen grossen Weltgeistes und dann hätten die Vertreter der pantheistischen Weltanschauung recht, vielleicht auch die der materialistischen, die im Geiste nichts anderes als Kraftäusserungen der Materie sehen, die überall und ewig sich gleich bleiben sollen. Dann hätten ja auch manche Vertreter der medizinischen Wissenschaft recht, die den Menschen nicht als geistiges Originalwesen, sondern als Stoffklumpen einiger zusammengefügter chemischer Elemente betrachten, der wiederum nur mit chemischen Stoffelementen, also ausschliesslich mit Medizin, behandelt werden muss. 

Dass aber dies geistige Etwas, was ich Ihnen hier zum Teil theoretisch definiere, tatsächlich in jedem Menschen verschieden von andern existiert, das haben sie ja an den vorgeführten Untersuchungen erfahren. Ich habe die Eigengesetzlichkeit des Lebens und der Lebens- und Geisteskräfte, die in jedem Individuum existieren, nachgewiesen. 

Aus diesem Grunde erkenne ich die anatomisch-chemische Heilkunde der Medizin auch theoretisch nicht mehr als vollkommen an, ganz abgesehen von ihren mancherlei Misserfolgen in der Praxis. Aus demselben Grunde aber erkenne ich auch die Naturheilkunde in Form einer gewissen einseitigen Methode nicht an, weil darin das Dogma vom alleinseligmachenden Heilmittel Wasser, von Vegetarismus, Obstdiät, neuerdings auch Hypnotismus herrscht und jedes Individuum unter dem eisernen Zwange dieser Heilmittel behandelt wird. *)
*) Eine Ausnahme ist die Helioda; dieses ist das Heilmittel, das in jedem Falle heilsam auf Kranke einwirkt.

Aus diesem Grunde erkenne ich die kombinierte Heilkunde, also die, die sich auf keine einseitige Methode verlässt, sondern alle Heilmittel der Natur zur Anwendung bringt, als Übergangsstufe an, welche zur Heilwissenschaft der Zukunft führen wird, so bald sie davon ablässt, nur auf unhaltbare Theorien zu bauen, aber dafür zu den psycho-physiologischen Lehren meines Systems überzugehen sich befleissigt. 

Die Grundlage dieser zukünftigen Heilwissenschaft ist nicht nur allein Anatomie, Chemie und Physiologie, sondern auch die individuelle Psychologie, die schliesslich in der Physiognomie des lebenden Individuums gefunden wird. Dieses schon frühzeitig anerkennend, habe ich ausser den übrigen anthropologischen Fächern ganz besonders Physiognomik studiert und schliesslich eine neue Psycho-Physiognomik als Grundlage der Biologie und Psychologie wissenschaftlich begründet. Meine neue Heillehre oder Psycho-Physiologie, die Diagnose auf Grund der physiognomischen Merkmale, ist daher für die Praxis in der zukünftigen Heilwissenschaft von ausschlaggebender Bedeutung. Wird, wie Sie gesehen haben, ein Mensch körperlich und geistig richtig beurteilt, so können ihm gleich die rechten Mittel verordnet werden und wird man mit dem Kranken nicht nutzlose Experimente anstellen, die seine Lebenskraft von vornherein erschöpfen. Ich halte alle Mittel aus dem grossen Reiche der Natur anzuwenden für geboten, immer neue Methoden für jeden Einzelnen schaffend und dadurch immer neue Mittel findend, die uns die Natur in so unerschöpflicher Menge liefert. Dazu gehören nicht nur die bekannten aus der kombinierten Naturheilmethode, sondern auch zum Teil viele vergessene alte Volksheilmittel und viele neue, von mir erforschte Hilfsquellen, ganz besonders auch die Helioda, das ist die Wurzelkraft des geistigen Lebens, und der magnetischen Energie, das ist die Grundkraft der chemischen Stoffe, worauf ich "Die neueste Heilwissenschaft" begründet habe. 

Der neuen Lebens- und Heilslehre verdanke ich meine Erfolge in der Praxis bei sog. Unheilbaren, die sowohl medizinisch als auch naturärztlich aufgegeben, laut amtlich bestätigter Berichte. Diese meine Wissenschaft, der ich mein Leben gewidmet habe, bitte ich auch Sie unterstützen zu wollen durch Anerkennung, Förderung und Verbreitung derselben zum Wohle der leidenden Menschheit.

Zum Schlusse sage ich Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie meinem Vortrage geschenkt haben, meinen besten Dank. 



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Diese Seite wurde am 4. Mai 2022 erstellt. Sie wird regelmässig geprüft und überarbeitet.

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