9F1. Lavater: Zitate über Physiognomik
Die nachstehenden Texte zeigen, direkt oder indirekt:
- Lavater ist ein überzeugter Anhänger der Physiognomik.
- Er ist sich bewusst, dass es manche Menschen gibt, die seine Ansichten und Überzeugungen nicht teilen: Es gibt einen gesetzmässigen Zusammenhang zwischen "Innen" und "Aussen", namentlich beim Menschen.
- Der Mangel besteht einzig darin, dass die Menschen die gesetzmässigen Zusammenhänge noch nicht erforscht haben. Aber irgendeinmal werden die Menschen die erforderlichen Entdeckungen machen. - Die Einwendungen der Kritiker erweisen sich daher als nicht zutreffend. In einer späteren Zeit wird man die Sprache der Natur enträtselt haben und diese Sprache verstehen.
- Er hat sich mit der Kritik unvoreingenommen, ernsthaft, gründlich und immer wieder befasst.
1. Ein bemerkenswerter Ausspruch von Lavater
Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente, 4. Band, 1778. 10. Fragment, S. 99
- O Physiognomik, wann wirst du Schlüssel aller Geheimnisse - Ohr und Auge für alle Gotteswahrheit sein!
Anmerkung: Amandus Kupfer schreibt in "Physiognomik und Mimik", 1926: "Carl Huter hält diesen Ausspruch als den bemerkenswertesten Ausspruch von Lavater."
2. Physiognomik als Wissenschaft
Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente, 1775, 1. Band, Seite 55.
Anmerkung: Der Text im Hauptwerk stammt offensichtlich nicht aus der 1. Auflage des 1. Bandes der "Physiognomische Fragmente", 1775.
Zitat Anfang:
- Aber soll der geübte Beobachter, der Feinergebaute, auch hier, wie in allen anderen Dingen die Wissenschaft heissen, nicht mehr, nicht heller, nicht tiefer sehen? Nicht weiter fliegen, nicht häufig Anmerkungen machen, die sich nicht in Worte kleiden, nicht in Regeln kleiden lassen?
- Und sollte deswegen das, was sich in Zeichen ausdrücken, und in Regeln mitteilen lässt, weniger Wissenschaft heissen?
- Hat die Physiognomik dies nicht mit allen Wissenschaften gemein? Oder, nochmals: Wo ist die Wissenschaft, wo alles bestimmbar – nichts dem Geschmacke, dem Gefühl, dem Genius übrig gelassen sei? Wehe der Wissenschaft, wenn eine solche wäre! –
- Albrecht Dürer mass; Raphael mass und fühlte den Menschen. Jener zeichnete Wahrheit, wissenschaftlich; dieser gemessene, idealisierte – und doch nicht weniger wahre Natur.
- Der bloss wissenschaftliche Physiognomist misst wie Dürer. Das physiognomische Genie misst und fühlt wie Raphael.
- Je mehr indessen die Beobachtung sich verschärft, die Sprache sich bereichert, die Zeichnungskunst fortschreitet – der Mensch, das Nächste und Beste dieser Erden, den Menschen studiert – desto wissenschaftlicher das ist, desto bestimmter, desto lernbarer und lehrbarer wird die Physiognomik.
- Sie wird werden die Wissenschaft der Wissenschaften, und dann keine Wissenschaft mehr sein – sondern Empfindung, schnelles Menschengefühl!
- Denn: Torheit, sie zur Wissenschaft zu machen, damit man darüber reden, schreiben, Kollegia halten und hören könne! Dann würde sie nicht mehr sein, was sie sein soll.
- Also: Was soll ich sagen? Was soll ich tun? Physiognomik wissenschaftlich machen? Oder nur den Augen rufen, zu sehen, die Herzen wecken, zu empfinden? –
- Und dann hier und dort, einem müssigen Zuschauer , dass er mich nicht für einen Toren halte, ins Ohr sagen: „Hier ist was, das du auch sehen kannst. Begreif nun, dass andere mehr sehen!“
Zitat Ende.
3. Lavaters Kritik über die unqualifizierten Kritiker der Physiognomik
Johann Caspar Lavater: Von der Physiognomik, 1772.
Abgedruckt aus Johann Caspar Lavater: Ausgewählte Werke in historisch-kritischer Ausgabe (JCLW), IV. Band, 2006, S. 557. 10-bändige Werkausgabe.
Gliederung und Fettdruck durch die Carl-Huter-Stiftung.
Anmerkung
1. Das Hauptwerk enthält im IV. Lehrbrief, neunte Lektion, 1906, unter derselben Überschrift ein etwa doppelt so langes Text-Zitat. Hier wird die erste Hälfte davon wiedergeben. Der hier wiedergegebene Text ist nicht in allen Teilen deckungsgleich mit jenem im Hauptwerk.
2. In der zweiten Hälfte des Textes im Hauptwerk befasst sich Lavater mit den "Physiognomisten". Dieser Text stammt aus einem anderen Artikel von Lavater. Huter hat die Lavater-Zitate nicht mit einer Quellenangaben versehen. - Inhalt: Die Physiognomisten arbeiten manchmal mangelhaft, etc. und die Kritik ist daher manchmal berechtigt.
Zitat Anfang:
- Sagt uns die Vernunft nicht, dass jedes Ding in der Welt eine äussere und innere Seite habe, welche in einer genauen Beziehung gegen einander stehen? dass jedes Ding eben darum, weil es das und kein anders Ding ist, etwas an sich haben müsse, wodurch sein Unterschied von jedem andern erkannt werden kann?
- Sagt sie uns nicht, dass, wenn überhaupt zwischen der Seele und dem Körper, dem Innern und Äusserlichen des Menschen eine genaue Übereinstimmung statt hat, die unendliche Verschiedenheit der Seelen oder des Innern der Menschen, notwendig auch eine unendliche Verschiedenheit in ihrem Körper und ihrem Äusserlichen zuwege bringen müsse?
- Vorausgesetzt also, dass die Charaktere der Menschen in jedem Sinne verschieden sein, so ist, nach dem Urteile der Vernunft, zugleich vorausgesetzt, dass die unmittelbaren mit dem Charakter des Menschen verknüpften Äusserlichkeiten verschieden sein müssen. Also muss, wenn eine Verschiedenheit statt hat, dieselbe überhaupt erkennbar sein; sie muss also der Gegenstand einer wirklichen Wissenschaft werden können.
- Wenn in der Welt nichts ohne zureichenden Grund geschieht; wenn es unleugbar ist, dass jede, auch die geringste Wirkung in der Natur eine mechanische Folge der allgemeinen Gesetze ist, denen ihr anbetenswürdiger Urheber dieselbe unterworfen hat; wenn hiermit alles sogenannte Willkürliche aus dem Gebiete der Philosophie und dem Reiche der Natur verbannet werden muss; so sehe ich nicht ein, wie der, der daran zweifelt, ob die Physiognomik eine wirkliche Wissenschaft sei, das ist, zweifelt, ob die Verschiedenheit des inneren Charakters der Menschen eine erkennbare Verschiedenheit in seinem Äusserlichen mit sich führe, auf den Namen eines Philosophen oder Naturforschers den geringsten Anspruch machen könne.
- Es empört sich in der Tat der menschliche Verstand gegen einen Menschen, der behaupten könnte, dass Leibnitz oder Newton in dem Körper eines Stupiden, eines Menschen aus dem Tollhause, der große Metaphysiker oder Mathematiker hätte sein können; dass der eine von ihnen im Schädel eines Lappen die Theodicee (1) erdacht, und der andere im Kopfe eines Mohren, dessen Nase aufgedrückt, dessen Augen zum Kopfe heraus ragen, dessen Lippen, so aufgeworfen sie sind, kaum die Zähne bedecken, der allenthalben fleischig und rund ist, die Planeten gewogen, und den Lichtstrahl gespaltet hätte.
- Der gesunde menschliche Verstand empöret sich gegen einen Menschen, der im Ernst behaupten könnte: ein starker Mensch könne aussehen wie ein schwacher; ein vollkommen gesunder, wie ein vollkommen schwindsüchtiger; ein feuriger, wie ein sanfter, kaltblütiger.
- Er empört sich gegen einen Menschen, der behaupten könnte: Freude und Traurigkeit, Wollust und Schmerz, Liebe und Hass, hätten dieselben, das ist, gar keine Kennzeichen im Äusserlichen des Menschen, und das behauptet der, der die Physiognomik ins Reich der eingebildeten Wissenschaften verbannet.
- Er verkehrt die Ordnung und die Verknüpfung der Dinge, wodurch sich die ewige Weisheit dem Verstande so preiswürdig macht.
- Man kann es nicht genug sagen, das Willkürliche ist die Weisheit der Toren, die Pest der gesunden Naturlehre, der Philosophie, und der Religion. Dies aus allen dreien verbannen, ist das Werk der Weisheit und Wahrheit.
- Lasset uns die Ungereimtheit dieses Willkürlichen in Absicht auf die Physiognomik noch mit einigen Beispielen dartun. Lasst uns sehen, ob man nicht alle Vernunft mit Füßen trete, wenn man zwischen dem inneren Charakter und dem äußerlichen Willkürlichkeit annimmt. Lässt sich nicht zum voraus aus der Vernunft sagen, dass ein krankes und blödes Auge ganz anders als ein gesundes und scharfes aussehen müsse? Dass ein vollständiger physiologisch gesunder Körper seine natürlichen unmittelbaren Merkmale haben müsse?
- Muss nicht notwendig ein Körper, dessen Gliedmassen und Einrichtung nichts fehlet, ein andres Äusserliches haben und darstellen, als ein physiologisch mangelhafter; muss es also nicht gewisse Kennzeichen geben, wodurch sich diese Verschiedenheit des Äusserlichen bestimmen lässt? Erhellet also nicht daraus, dass der physiologische Charakter des Menschen aus seinem Äusserlichen bestimmbar sei?
- Ist es nicht ferner aus der Vernunft erweislich, dass ein melancholisches Geblüt nicht die Farbe des sanguinischen oder phlegmatischen haben könne? dass folglich die Leibesfarbe, welche grössenteils durch das Geblüt und die Säfte bestimmet wird, nach der verschiedenen Beschaffenheit derselben verschieden sein müsse? Ist diese Verschiedenheit sinnlich oder erkennbar, so wird sie ein Gegenstand der Wissenschaft. Es gehört also nicht zu den eingebildeten Wissenschaften, den Temperamentscharakter des Menschen aus seinem Äusserlichen zu bestimmen.
Zitat Ende.
(1) Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels und Bösen, das mit dem Glauben an seine Allmacht, Weisheit und Güte in Einklang zu bringen gesucht wird.
History
Diese Seite wurde am 13. und 14. Oktober 2025 erstellt. Sie wird regelmässig überprüft und angepasst, letztmals am 7. November 2025.