Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

E. Chronologie "Kopfform",
von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert


Carl Huter schreibt in "Welt- und Menschenkenntnis",
V. Lehrbrief, 4. Lektion



Lebrun

"Im Jahre 1667 erschien das von dem geistreichen französischen Maler Lebrun herausgegebene Werk 'Conférences', das bedeutendste Werk, das seit Leonardo da Vincis und della Portas im Mittelalter verfassten Schriften über Physiognomik vor Lavaters Zeit bekannt geworden ist. Ich möchte dieses hier gleich erwähnen, weil ich erst, nachdem ich in der 9. Lektion des 4. Lehrbriefes Lavaters Verdienste gewürdigt hatte, nachträglich von dem Wert dieses Lebrunschen Werkes überzeugt wurde.

Freilich ist seine Arbeit nicht so umfangreich wie die von Lavater, auch hat er nicht so warm empfunden und begeisternd geschrieben, aber immerhin für die damalige Zeit eine achtenswerte Leistung vollbracht.

Das sagt auch Darwin in seinem Werke 'Ausdruck der Gemütsbewegungen', in dem er sich wörtlich in der Einleitung folgendermassen äussert:

'Über den körperlichen Ausdruck der Seelenbewegungen sind viele Werke geschrieben worden, aber eine noch grössere Zahl über Physiognomie, d. h. über das Erkennen des Charakters aus dem Studium der beständigen Form der Gesichtszüge. Mit diesem letzteren Gegenstande haben wir es hier nicht zu tun(1).

Die älteren Abhandlungen, welche ich zu Rate gezogen habe, sind mir nur von geringem oder gar keinem Nutzen gewesen(2). Die berühmten ,Conférences' des Malers(3) Lebrun sind das beste mir bekannte ältere Werk; es enthält manche gute Bemerkungen. Eine andere, aber etwas veraltete Abhandlung, nämlich der ,Discours' des bekannten holländischen Anatomen Peter Camper(4) nach seinen 1774 bis 1782 gehaltenen Vorlesungen, kann kaum als eine irgendeinen merkbaren Fortschritt in der Erkenntnis des Gegenstandes bezeichnende Arbeit betrachtet werden.' (Ende der Zitierung Darwins durch Huter)

Fussnoten (von Carl Huter)

(1) Man sieht hieran, wie Darwin gar nicht danach strebte, eine praktisch brauchbare Charakterologie in seinem Werk "Ausdruck der Gemütsbewegungen" zu schaffen, sondern dieses sogar in einer falsch aufgefassten vornehmen Gelehrsamkeit unterliess. Was aber hat denn alle Untersuchung über diesen Gegenstand für einen Zweck, wenn nichts praktisch Brauchbares, sichere psychologische Analysen, damit erreicht werden sollen?

(2) Um so mehr hätte Darwin doch aus den Meisterwerken der bildenden Künstler Wertvolles erfahren können, z. B. aus Leonardo das Vincis Abendmahl. Diese Gabe war ihm scheinbar nicht gegeben. Reine, naturbelauschte, naturkopierte Werke realistischer Richtung grosser Genre-, Tier- und Porträtmaler verstand er hingegen ausgezeichnet. Er hätte meiner Ansicht nach auch mehr die Werke von Lavater, Winckelmann, Lessing, Gall, Spurzheim, Combe, Engel studieren sollen. Seine eigene Arbeit wäre dadurch reicher, umfassender und diesen Meistern gegenüber gerechter geworden.

(3) Schätzenswert ist, dass Darwin einen Maler unumwunden als wissenschaftlichen Forscher auf diesem Gebiete anerkennt. Würden sich deutsche Naturforscher und Ärzte auch wohl zu ähnlich freimütiger Anerkennung verstehen und die Forschungen eines bildenden Künstlers als wissenschaftlich wertvoll gelten lassen? Kurz vor Druck lese ich, dass die Medizinische Fakultät in Greifswald den Maler und Bildhauer Max Klinger in Leipzig zum Ehrendoktor ernannt hat. Das ist endlich eine grosse befreiende Tat. Diese Auszeichnung hätten noch viele andere auch verdient.

(4) Auch Peter Camper hat durch seine Forschungen der Wissenschaft einen grossen Dienst erwiesen. Warum ihn Darwin unterschätzt, erklärt sich wohl aus seiner Abneigung gegen vieles, was von Dichtern, Philosophen und Theologen und auch von Medizinern geschrieben worden ist. Ihm waren die Arbeiten dieser Berufsmänner meist zu abstrakt. Darwin liebte die bildenden Künstler natur-realistischer Richtung darum so sehr, weil er in ihnen die unmittelbarsten Naturbeobachter erkannte, die seiner Neigung am nächsten standen. Camper war ihm ein zu abstrakter mathematischer Anatom.


Johann Joachim Winkelmann

"Im Jahre 1755 erschien in Leipzig das drei Bände umfassende Werk von Johann Joachim Winckelmann, 'Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst.' Einige Jahre später, 1764, erschien vom gleichen Verfasser ein zweites, noch bedeutenderes Werk, 'Geschichte der Kunst des Altertums'. Zwischen diesen beiden grösseren Werken schrieb er 1762 'Anmerkungen über die Baukunst der Alten' und 1763 'Von der Empfindung des Schönen in der Kunst', schliesslich 1766 'Versuch einer Allegorie'.

In diesen fünf Werken, besonders aber in seiner Kunstgeschichte des Altertums, hat Winckelmann. in meisterhafter Weise nicht nur den Entwicklungsgang der alten Kunst, die Aufeinanderfolge der Stilformen charakterisiert, sondern auch das Verständnis für den Geist derselben aufgeschlossen."



Raphael Mengs

"Im Jahre 1762 erschien in Zürich von dem damaligen berühmten Porträtmaler Raphael Mengs die unvergleichliche Schrift "Gedanken über die Schönheit und den Geschmack in der Malerei", eine Perle der Kunstliteratur, die ich jedermann dringend zum Studium empfehle, da sie so recht in die edle Hoheit des Wesens der wahren idealen Kunst einführt und ausser Verständnis auch Liebe und Begeisterung für das Schöne weckt."



Lessing

"Im Jahre 1766 schrieb Lessing den "Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie", und damit war nicht nur die Kunstkultur in Deutschland in besonderen Fluss gekommen, sondern auch die hohe volkserzieherische Bedeutung der edlen Bildwerkkunst erkannt. Zugleich wurde durch die Werke dieser drei Schriftsteller die bildende Kunst als notwendige und höhere Ergänzung der Dichtkunst erkannt, und damit war hinreichend Anregung gegeben, dass man sich in das Wesen der bildenden Kunst und ihre Psychologie, die Körperformen- und Gesichtsausdruckskunde, mehr als bisher zu vertiefen suchte."


Lavater

"In den Jahren 1769 bis 1778 arbeitete Lavater mit unermüdlichem Fleiss an der Herausgabe seiner "Physiognomischen Fragmente", und damit war ein weltgeschichtliches Ereignis eingetreten, nämlich die Überzeugung, dass die materielle Form nicht tot und bedeutungslos für das geistige Innenleben, dass sie nicht nur im günstigsten Falle ein unaufschliessbares Geheimnis des lebendigen Geistes sei, sondern dass sich in den Körperformen der tierischen und menschlichen Lebewesen das Leben, der Geist ausspricht, und dass man nur diesen Geist der Formen zu studieren brauche, um in das Wesen desselben einzudringen. Damit war die Seelenforschung in ein neues Stadium getreten, man war wieder auf den richtigen Weg gekommen, und diese Pfadfindung hat die Welt vier deutschen Männern, Winckelmann, Mengs, Lessing und Lavater, zu verdanken.

Hatte Winckelmann das Wesen der Architektur und Plastik bearbeitet, so gab Mengs Aufschluss über das Wesen der Malerei, und Lessing konnte nun kritisch einsetzen und das Wesen der bildenden und der dichtenden Kunst im allgemeinen darlegen und insbesondere ihre natürlichen Grenzen und ihre gegenseitigen Ergänzungspunkte lehren. Lessings "Laokoon" ist ein einschneidendes Werk für die rechte Kultur der idealen Güter der Menschheit, Poesie und bildende Kunst."



Winckelmann, Mengs, Lessing und Lavater

"Es ist aber wichtig zu wissen, dass jeder dieser vier grossen Forscher eine besondere Originalarbeit für sich vollbracht hat.

Lavater fasste einmal den ganzen Menschen und alle seine äusseren Einzelteile ins Auge, ohne dabei auf viel mehr als zehn bestimmte Regeln zu kommen, welche ich aus seinen Werken mühsam zusammengesucht habe und die ich im 4. Lehrbrief, Seite 478-480, brachte.

Lavater legte dann zweitens das ganze Schwergewicht auf die ruhenden konstanten Formen. Aus diesen ruhenden Formen suchte er den wirklich wahren, natürlichen Geist, den Charakter, die Seele, zu ergründen. Alle Gebärden, Gesten, Mienen fasste Lavater wohl ins Auge, aber er erkannte sie ganz richtig als das sekundäre Gebiet der Psychologie.

Lavater hat daher drittens die Handlungen des Menschen, die, obwohl sie ihre Quelle in der Persönlichkeit des Handelnden haben, nicht als die zuverlässigen Wertmesser für den geistigen Innenwert eines Menschen anerkannt. Vielmehr hat er in den Handlungen, Mienen und Gebärden gerade die Mittel erkannt, wodurch die Menschen andere täuschen können und auch vielfach zu täuschen suchen, also irreführend werden können. Wenn man die Wahrheit über das Wesen einer Person erforschen will, muss man mehr deren konstante Formen studieren. Nur dann, wenn die Handlungen und die Mimik und Gebärden in Einklang mit der Physiognomie des Menschen stehen, geben sie nach Lavater das wahre Wesen desselben wieder. Das Ruhende, Bestimmte in Gestalt und Form von Körper, Gesicht, Schädel, Mund, Nase, Auge usw. ist nach Lavater das Seiende, — alles Bewegliche aber das Werdende oder Vergehende - sich Verflüchtigende oder Vergängliche.

An diesen ganz zutreffenden Beobachtungen Lavaters mag jeder ersehen, dass dieser Mann nicht lediglich ein Schwärmer war, sondern ein aussergewöhnlich scharfer Beobachter.

Lavaters Begeisterung für diese Wissenschaft, die allerdings oft bis zur Schwärmerei ging, wird uns verständlich erscheinen, sobald wir uns die Tatsache vor Augen führen, dass jeder Forscher, der auf ein neues Gebiet stösst, das ungeahnte Werte für die Menschheit aufschliesst, sich diesem mit ganzer Hingebung widmet und voller Freude darüber in Begeisterung geraten kann.

Höchst interessant ist es nun, dass gerade die konstanten Körperformen, womit sich die Physiognomik beschäftigt, von diesen vier Forschern in Übereinstimmung mit den grössten Meistern der bildenden Kunst aller Zeiten als das Wesentliche, als das Grundlegende in der natürlichen Offenbarung des Geistes der Lebewesen intuitiv erkannt worden sind."