Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

2A4. Erinnerungen an Carl Huter


1. Zum 9. Oktober 1951, dem 90. Geburtstag Carl Huters
von Amandus Kupfer (1), (2)

Fettdruck und Gliederung durch die Carl-Huter-Stiftung

Sein Lebensspruch:
Der natürlichen Wahrheit und ihrer Verbreitung,
Der ethischen Bildung und ihrer Vertiefung,
Und der göttlichen Schönheit und ihrer Heiligkeit
Das ganze Sein!

 

Was sollen wir sagen; wenn gefragt wird: «Wer war Carl Huter?» Er selbst antwortete dem Schüler, der obige Frage stellte: «Sagen Sie, Huter war ein einfacher Mann aus dem Volke, der durch Fleiss und gute Begabung mehr Wahrheiten fand als andere vor ihm.» (3)

Seine Kindheit erlebte Huter in einer schönen Landschaft, einem Dorf bei Hildesheim. Schon als Knabe muss er in naivem, natürlichem Schauen die Menschen seiner Umgebung ganz so gesehen haben, wie sie waren; er fand die Grundtypen des Lebens unter den Menschen. Solange es eine Kultur gibt, hat es diese Typen gegeben; aber niemand hat vor Huter erkannt, welche Rolle sie in der Entwicklung des Menschen spielen, wie überhaupt in der Lebenswelt. Auf dieser ersten Erkenntnis fussend, forschte Huter sein ganzes Leben weiter und kam dabei von einer Entdeckung zur andern.

Es muss also doch wohl eine besondere Veranlagung bei Huter vorgelegen haben, denn sonst wären seine bedeutenden Forschungen nicht zu erklären. Auch will es uns scheinen, dass Huter gerade zur rechten Zeit kam, denn die letzten Jahrzehnte lehren uns, dass die Kultur sich so ziemlich festgefahren hat, dass eine bessere Erkenntnis über Welt und Mensch nötig erscheint, um sie neu zu beleben. Daher will ich gerne aus Anlass seines 90. Geburtstages einiges aus der Erinnerung an ihn hier darlegen.

Es war in Bremerhaven, Ende 1906, als mir zwei Freunde (4) das grosse Huterwerk brachten, das ich anfing zu studieren. Wir beschlossen, Huter zu bitten, bei uns Vorträge zu halten. Er sagte zu, musste aber am Tage des ersten Vortrages wegen einer hinderlichen starken Erkältung absagen. Wir waren aber schon für seine Lehren und Entdeckungen sehr eingenommen und schickten ihm eine Depesche: «Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft, - wir arrangieren die Vorträge noch einmal, sobald Sie wieder gesund sind.»

Als dann Huter kam, hatten wir die Absicht, ihm zuerst die Stadt, die grossen Schiffe und die See zu zeigen. Wir holten ihn am Bahnhof ab und der erste Eindruck von ihm war erstaunlich. Er sah nach meiner Auffassung aus, als käme er geradewegs von einer grossen herrlichen Kunstreise aus Italien. Zu mir meinte er: «Ich hätte Sie mir älter vorgestellt.» Er war von grosser Herzlichkeit und Freundlichkeit, jedoch geistig so stark auf die Vorträge und sein Vorhaben konzentriert, dass nichts anderes mehr in Frage kam.

Erst nach drei Wochen zeigte ich ihm die noch neue Funkstation am Hafen, die ein Freund von mir bediente. Er liess sich über alles genau unterrichten und war von dem Resultat sehr eingenommen. Als ich ihn über die grosse Schleuse mit dem tiefliegenden Wasser führte, sagte er: «Wir müssen schnell gehen, das Wasser übt auf mich einen eigenartigen Einfluss aus; mein Vater war Wasserbaumeister, rettete seinen Vorgesetzten vom Ertrinken, zog sich eine Lungenentzündung zu und starb an ihren Folgen. » - Doch ich schweifte etwas ab.

Es ist schade, dass wir den 1. Vortrag nicht Stenographieren liessen, denn er übertraf an Grossartigkeit und beweisführenden Experimenten alle Erwartungen.

Nach einem weiteren Vortrag hatte ich in meinen Gedanken den starken Wunsch nach einem Gedicht, das die Lehre Huters so recht schön illustrieren sollte. Mit diesen Gedanken kam ich in das bestens bekannte Seemanns-Hotel (5), wo Huter wohnte. Die Begrüssung war freudig, aber alsbald meinte Herr Huter, ich möge mich doch ein wenig setzen. Das war mir gerade recht und so konnte ich noch in Ruhe über das zu verfassende Gedicht nachsinnen. Herr Huter sass am Schreibtisch und ein Blatt Papier nach dem andern wanderte zerknüllt in den Papierkorb, bis er mir freundlich ein Blatt überreichte und sagte: «Sie haben mich zum Dichten angeregt, bitte, das schenke ich Ihnen. Das gewünschte Gedicht, um das ich mich vergeblich bemüht hatte, war da. Es sind die ersten zwei Strophen des allen Freunden bekannten schönen Gedichtes: «Was ist Carl Huters Psycho-Physiognomik?» (6) Das Blatt hängt heute noch eingerahmt in meinem Arbeitszimmer, - nur die Zeit hat es vergilben lassen.

Im Sommer 1907 konnte ich einen längeren Unterricht bei Huter nehmen. Alle Schüler waren sich einig, darunter zwei Studenten im letzten Semester, dass man bei Huter in Stunden und Wochen mehr lerne als sonst in Jahren. 

Ich beobachtete ihn gerne und erkannte, dass, im Ganzen gesehen, der architektonische Kopfbau bei ihm noch andere, vollendetere Proportionen hatte, als man sie allgemein antrifft. Auch der Stirnbau war von einer ganz besonders feinen Struktur, wie auch der Faserbau seiner grossen Augeniris. Huter war gesund, sein Körperbau zeigte Muskelplastik, aber alles war dabei sehr verfeinert. Es ging ein selten glücklicher und auch starker Einfluss von ihm aus. Dafür ein Beispiel aus seiner Detmolder Zeit: Es war ein Vortrag in Kassel angesetzt und bald hohe Zeit zum Bahnhof zu gehen. Aber Herr Huter kam nicht, er arbeitete an seinem Stehpult - (er hat seine Werke wohl meist im Stehen geschrieben). - Als es aber höchste Zeit war, ging es mit Gepäck und Gefolge zum Bahnhof. Der Zug stand auf dem etwas erhöhten Bahndamm und wollte gerade abfahren. Herr Huter rief hinauf: «Der Zug muss warten, bis ich komme.» Der Beamte sah herab und der Zug hielt. Huter umarmte ein Kind nach dem andern, nahm fröhlich von allen Abschied und ging dann zum wartenden Zug.

Allgemein erweckte seine Erscheinung Aufmerksamkeit, Sympathie und Zutrauen. In der Grossstadt z. B. wurde er sehr häufig von Leuten ehrfurchtsvoll gegrüsst, die er nicht kannte und die offensichtlich durch das Besondere, das von ihm ausging, beeindruckt waren.

Sonst war Huter sehr bescheiden, aber mit Arbeit sehr überlastet. In erster Linie widmete er sich seinen Forschungen, er musste Menschen studieren, gute und schlechte, gesunde und kranke. Dann kam der praktische Erwerb, worauf er angewiesen war; er leitete seine Heilanstalt, er musste seine Werke schreiben, illustrieren, drucken lassen und schliesslich auch für den Absatz derselben sorgen. Er musste Vorträge und Unterricht halten, kurz gesagt, rastlos tätig sein. Das wäre alles noch gut gegangen, denn es steigerte seine Kraft.

Keiner von uns hätte wohl geglaubt, dass er Huter überleben würde; man dachte, Huter würde wohl 100 Jahre alt, so stark war seine Lebens- und Schaffenskraft. Das Denken fiel ihm so sehr leicht und er vergass fast nichts.

Aber allmählich fanden sich Gegner seiner Lehren, die sich schliesslich vereinten, um ihn systematisch zugrunde zu richten. Auch mit diesen wäre er sicherlich fertig geworden, wenn nicht das persönliche Leid gewesen wäre, das man ihm unverschuldet antat; das schwächte die Herzkraft des so fein und tief empfindenden Menschen. Es war, wie man sagt, für das arme Herz zu viel.

Huter war kein realer Gegenwartsmensch, - und wie furchtbar dieser werden kann, das lehrten eindeutig die letzten zwei Jahrzehnte. Huter war ein Lebenskünstler, der Lebensfreude zugeneigt; er rauchte auch mal eine Zigarre oder Zigarette, jedoch nur einige Züge, dann legte er sie fort. Er trank auch mal Wein oder Bier, aber nur wenig. Er ass Fleisch nur mit Brot, Gemüse usw., nie allein. Obst, Nüsse und Südfrüchte standen bei seiner geistigen Tätigkeit stets für ihn bereit. Er machte fast täglich einen Weg, nahm uns mit und erklärte unermüdlich das eine oder das andere aus seiner Lehre. Der oberste Beamte der Provinz war bei ihm zur Kur, doch Huter ging mit uns. 

Ein Herr liess sich von ihm beurteilen, der sich ihm als Baron vorstellte. Huter lächelte und sagte bald: «Sie sind kein Baron, sondern aus altem Freiherrngeschlecht.» Er hatte dies aus bestimmten Merkmalen erkannt. Der Herr nannte seinen richtigen Namen und war bald von Huter so eingenommen, dass er ihm gerne jeder­zeit bei Kaiser Wilhelm II. eine Audienz vermitteln wollte. Wir baten Huter einst, den Vorschlag doch anzunehmen. Er lehnte ab und sagte: «Der Kaiser liegt im konstanten sanguinischen Temperament.» (7)

1911 hielt ich einen Vortrag im Künstlerhaus in Leipzig, wo gleich nebenan Herr Huter sein Museum und seine Volkshochschule errichtet hatte. Ich fragte ihn: «Herr Huter, man sagt allgemein, 1913 komme der grosse Weltkrieg. Kann das wohl stimmen?» - Sein Auge wurde traurig und er sagte: «Der Krieg kommt, aber erst Mitte bis Ende 1914.»

Dann wurde ein Herr gemeldet, den er ausnahmsweise behandelte. Ruhig sagte er zu diesem: «Herr Kupfer ist ein Schüler von mir, bitte erzählen Sie doch, wie es Ihnen ergangen ist.» Der Herr gab seine wohl zum grossen Teil selbstverschuldete Leidensgeschichte bekannt und betonte: «Herr Huter hat mir das Leben gerettet.» Ich horchte auf, als Herr Huter sagte: «Sie sagten, ich hätte Ihnen das Leben gerettet. Ich bin, wie Sie wissen, unverschuldet in Bedrängnis; helfen Sie mir nun auch, leihen Sie mir den für Sie kleinen Betrag, den ich benötige, um meine Institute zu erhalten.» Der Herr wandte sich hin und her, wiegte den Kopf, nahm Hut und Mantel, lehnte ab und verab­schiedete sich. Huter sagte: «So geht's und steht's.»

Im Verein Volksgesundheit in Dresden hielt ich Vorträge über Huters Heilmethode. Er wohnte jetzt in Dresden bei der Grossmutter seiner beiden jüngsten sehr lieben Kinder, und so konnte ich ihn besuchen und ihm einige Freude bereiten. Huter sah nicht etwa krank aus, nur sehr matt, aber ruhig und erhaben. Wie gerne hätten wir ihm einen Aufenthalt im schönsten Kurort ermöglicht. 

In seinem Zimmer standen schöne Blumen, mit denen er Experimente mit wertvollem Resultat machte. 

Er hielt meine junge Gattin, die er schon durch früheren Briefwechsel kannte, den ganzen Tag bei sich und gab ihr sehr gute Ratschläge. (8)

Man sagte mir, er habe einen sehr schweren Herzanfall gehabt, selbst geglaubt, sein Ende sei gekommen, - eine plötzliche Wendung habe ihn hoffen lassen, doch noch seiner Lehre leben zu können. (9)

Er nahm mich mal beiseite, zeigte auf seine Hand und sagte: «Sehen Sie, das Leben zieht sich schon zurück, es ist die Totenhand.» - Er erteilte noch täglich Unterricht, - sicher war das viele Sprechen nicht gut. (10)

Nach einem Vortrag waren wir noch mit seinen Schülern spät abends zusammen. Jemand sagte zu mir: «Wie lange kann Herr Huter wohl noch leben?» Ich war erschrocken und sagte nach kurzem Besinnen: «Noch drei Wochen. Er müsste grosse Ruhe und Schonung haben.» - Die Unterhaltung stockte, die Worte waren gefallen, aber niemand glaubte wohl, wir selbst auch nicht, dass es tatsächlich so kommen würde. (11)

Der Nachtzug kam früh in Breslau an, wer stand am Zuge? Herr Huter war da und erwartete uns. Wir stiegen aus, es war kühl, frostig und neblig. Wir gingen zusammen schnell in ein nahes Hotel, dort war es warm und angenehm. Wir lernten die edle Persönlichkeit Huters nochmals bewundern. Als ein Gast im harmonischen Typus in den Raum kam, blickte Herr Huter auf, freute sich und sagte einiges über dessen Naturell. Wir begleiteten Herrn Huter noch ein Stück in die Stadt, er wollte zu einem Schüler. Noch sehe ich ihn im Geiste, wie er zum Abschied mit dem Hut winkte, - es war das letzte Mal. (12)

Drei Wochen später erhielten wir, zutiefst erschüttert, die Todesnachricht.

Nur einiges konnte ich hier kurz berichten.

Die Grossmutter (13) seiner Kinder erzählte: Huter scherzte mit den Kindern (14), es war gegen Mittag, lehnte sich dann aber zurück und sagte: «Ach, ich bin so müde.» Sie habe die Kinder in ein anderes Zimmer geführt. Als sie nach 5 - 10 Minuten zurückkam, habe Huter noch genauso gelegen; aber er sei ihr so merkwürdig still vorgekommen, sie ging näher hin - er war tot, - ein Herzschlag hatte ihn erlöst.


Fussnoten

(1) Aus: «Form und Geist», Zürich, 1951, Heft 10, Oktober, 10. Jahrgang. 

(2) Geb. am 3. April 1879 in Alsum bei Dorum, Landkreis Cuxhaven, gestorben am 20. März 1952 in Schwaig bei Nürnberg. Schüler von Carl Huter.

(3) Diese Szene stammt aus dem Monatskurs, den Amandus Kupfer 1907 und 1908 in Detmold besuchte. Während dem Monatskurs sollten die Teilnehmer Kontakte mit Drittpersonen auf das Minimum reduzieren. Huter wollte vermeiden, dass seine Schüler während dieser Zeit ungünstig beeinflusst werden. Wenn der Schüler die Hutersche Antwort erteilt, wird er wohl danach in Ruhe gelassen werden. Es ist eine alte Erfahrung, dass Neues oft vorschnell bekämpft wird.

(4) Einer davon war William Uhlmann aus Chemnitz (ca. 1875 - ca. 1935). Er wurde 1907 ein Huter-Schüler, zusammen mit Amandus Kupfer. In den Jahren 1908 und 1909 hat er Huter bei der Vorbereitung und Durchführung seiner Vorträge unterstützt. Er war um 1910 in Frankfurt a.M. als Referent tätig. Sein starker sächsischer Dialekt war den Vortragsbesucher und den Vortragsbesucherinnen unerträglich. Er ging zurück nach Chemnitz. Er blieb ein Huter-Freund, hielt aber kaum Vorträge.

(5) Hermann’s Hotel, Bürgermeister-Smidt-Strasse, Bremerhaven. Es besteht nicht mehr.


(6) Carl Huter hat es bald danach um zwei weitere Strophen ergänzt und den Titel abgeändert in «Meiner psycho-physiognomischen Lehre Sinn und Wahrheit», erschienen in Carl Huter: Illustriertes Handbuch der Menschenkenntnis, 1910.

(7) Das muss 1907 oder 1908 gewesen sein. Menschen mit ernster Grundhaltung oder ernstgemeinte Ratschläge vermögen nichts zu bewirken. Das sanguinische Temperament war seit jungen Jahren ungewöhnlich stark.

(8) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt. 

(9) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(10) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(11) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(12) Dieses Ereignis fand im November 1912 statt.

(13) Amalie Fleischhacker, geb. Metger, 1853 – 26.11.1924, Dresden, Grossmutter der zwei jüngsten Kinder von Huter. Sie stammt aus St. Gallen. Ihr Vater ist aus Emden (Ostfriesland / Niedersachsen) zugezogen und war Kaufmann von Beruf.

(14) Johannes, geb. 26.12.1910, Dresden, - 18.12.1990, und Rotraut, geb. 15.1.1912, Dresden, - x.x.1982, Australien, damals knapp 2-, resp. 1-jährig.


 

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