Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

11B. Weltprinzipien

Irma Fleischhacker: Carl Huter und seine Wissenschaft, Leipzig, 1910. I. Teil: "Carl Huters Lebensphilosophie". 

Anschliessend an den Text in der Rubrik A. Weltanschauung Ziffer 3 "Orient und Abendland. Der Weg zum Materialismus" stellt die Autorin Carl Huters 7 Weltprinzipien dar. Eine Überleitung fehlt. In "Welt und Menschenkenntnis", II. Lehrbrief, 2. Lektion findet sich, zum selben Thema, die folgende Einleitung:
"Ich will nun in Kürze meinen lieben Schülern und Schülerinnen meine Auffassung über das Universum und über die Entstehung und den Werdegang des Individuums entwickeln."

1. Das kausale Weltgeschehen

  • Die wissenschaftliche Welt übernahm aus der Philosophie nur das kausale Weltgeschehen oder den naturgesetzlichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Jede Erscheinung und Wirkung im Weltall hat eine Ursache, diese geht wiederum auf eine Ursache usw. zurück; auf diese Weise ergibt sich, als Fortsetzung bis in die bis in die  Unendlichkeit, die Zeitfolge, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So kommen wir aber zum Dualismus und niemals zum Monismus. Ursache und Wirkung bewirken aber eine Veränderung, eine Entwickelung im Weltall. Bewegt sich diese nun in aufsteigender oder in absteigender Linie oder im Kreislaufs?
  • Das kausale Weltgeschehen liegt in der Vergangenheit, die in Unendlichkeit festgedreht zur Ewigkeit in der Vergangenheit führt. Dennoch müssen wir zuletzt auf eine letzte Ursache kommen. Es muss also einmal ein Ur-Anstoss dagewesen sein, da ohne diesen eine Wirkung unmöglich ist. Dieser erste Anstoss, der nun geistiger oder mechanischer Art gewesen sein kann, war eine Schöpfung. Daher lehrt Huter die Schöpfungsentwickelung, während Haeckel und die Monisten nur eine Entwickelung anerkennen. Die Schöpfung war aber das Primäre, die Entwickelung das Sekundäre. Nach dem allerersten in der Vergangenheit liegenden Anfang entwickelte sich alles Folgende mit eiserner Notwendigkeit. Nach diesem eisernen Gesetz des notwendigen Geschehens gibt es keine Sünde und keine Schuld. Demnach müsste auch das Geistige ein mechanisches Produkt sein; dann gäbe es aber auch kein Gewissen, keine Verantwortung, keine Freiheit; dann wäre alles versklavt. Diese einseitige Weltauffassung konnte Huter nicht befriedigen.

2. Das teleologische Weltprinzip

  • Im Gegensatz zum kausalen Weltprinzip steht das teleologische (Zweckmässigkeits-) Prinzip. Wenn nämlich alles Geschehen einen bestimmten Zweck, dieser wiederum einen anderen 3weck usw. verfolgt, so ist ein Endzweck vorhanden, der in der Zukunft liegt. Die Ursache war also stets nur ein Mittel zur Erreichung des Zweckes. Alles dem Endzweck vorangehende geschah in einem dunklen Drange. In aller Entwickelung liegt aber nicht nur Quantität, sondern auch Qualität, diese letztere schliesst das Geistige ein. Nach Huter trägt die Zweckenergie im Weltall, die die Theologen die Gottheit nennen, in sich die Kraft, alles Vorhergehende dahin bestimmt zu haben, dass es im Dunkeln sich aufwärts entwickelt. Aller Endzweck kann nach Huter — da die Natur planvoll und sinnvoll arbeitet — nur die Erreichung der höchsten Harmonie, Schönheit und Heiligkeit sein. Dieser höchste Punkt kann aber nicht ein einziges Wesen, ein Gott sein, sondern die Göttlichkeit, d. h. der göttliche Zustand aller Vielheiten, die als Gottheit zusammengefasst werden können.

3. Das freiheitliche Weltprinzip

  • Wenn wir nun nur im Dienste eines Zweckes ständen, dann wäre der Islam die einzig wahre Religion. Dann kämen wir zum Fatalismus, zur völligen Gottergebenheit, zur Gleichgültigkeit. Es entstehen die Fragen, was kann der Mensch aus eigener Kraft tun, hat der Einzelne Anteil am Weltgeschehens Nach Huter hat der Mensch die Freiheit des Wollens. Es gibt demnach ein individuelles Wollen, das das kausale und das teleologische Geschehen durchbrechen kann. Das Böse erfährt der Mensch, wenn er gegen den Endzweck handelt. Somit ist die Sünde unbedingt erforderlich zur Erkenntnis der Wahrheit und des Guten. der Mensch sündigen kann oder nicht, ist er frei. Trägt aber alles Sündhafte einen Fluch auf sich, muss der Mensch diesen tragen. Als Jüngling glaubte Huter, das man nie sündigen dürfe und das herrschende Moralsystem streng zu halten habe. Als Mann hat er eingesehen, dass dieser Standpunkt nur als korrekter erscheint, nicht aber immer im vollen umfange ist. Senn es hat zu allen Zeiten in Sittengesetzen und religiösen Anschauungen Irrtümer und durch Massensuggestion übertragene minderwertige, sogar teilweise lasterhafte Gewohnheiten gegeben, die den meisten nicht als Sünde zum Bewusstsein gekommen sind.
  • Trat dann ein grosser Wahrheitsforscher, der die herrschenden Irrtümer einsah und beseitigen wollte, um dafür bessere Wahrheiten und Einrichtungen einzuführen, hervor, so wurde dieser als Sünder oder Verbrecher angesehen, wie das bei Jesus, Luther, Copernikus und Galiläi der Fall gewesen ist. Erst lange nach ihrem Tode wurden die grossen Massen zu den Anschauungen dieser Geistesführer bekehrt. Die neuen Lehren galten nun nicht mehr als sündige, sondern als heilige Wahrheiten.
  • Daher lehrt Carl Huter, es gibt ein Recht zur Sünde, wenn die Sünde höhere Wahrheiten, Kulturfortschritte und bessere Einrichtungen als die herrschenden sind, bringt.
  • Solche Sünde ist dann nur scheinbar Sünde, in Wirklichkeit aber Tugend.
  • Die Freiheit, zu sündigen, kann dem Menschen nie die ewige Verdammnis bringen. Die Kirche ermöglicht daher auch jedem Sünder die Vergebung (Busse, gute Werke etc.), der Staat und das Gesetz tun es nicht. Das Freiheitsprinzip bedingt aber Tugend und Sünde. Wirkliche Tugend ist nach Huter das Hervorbringen von schöpferisch Gutem, tatsächliche Sünde das Hervorbringen von Entwickelungshemmungen und Zerstörungen des Guten. Es gibt alte Sitten und Moralgebote, deren Beibehaltung die Entwickelung hemmen würde. Es gibt aber auch Sitten und Moralanschauungen, die ewig gut sind und an denen festgehalten werden muss.

4. Das tragische Weltprinzip

  • Hier stellt Huter als viertes Prinzip das tragische Weltprinzip auf. Die Sünde, das Böse, ist die erste Wirkung des Freiheitsprinzips und zugleich die Ursache des geistigen Erwachens, Werdens und Entwickelns. In ihr liegt das Tragische. Aber mit diesem, mit den Schmerzen und Leiden erwacht die Sehnsucht nach Harmonie, Schönheit und Heiligkeit. Huter unterscheidet drei Arten des Bösen in umgebenden Formen im höher waltenden Schicksal und in der eigenen Schuld.

5. Das Harmonie- und Entwickelungsprinzip

  • Nach Huter — der ebenfalls dieses neue Prinzip aufstellte — ist die Sehnsucht nach Harmonie, die auch alle abnormen, bösen, unvollkommen empfindenden Wesenheiten beschleicht, nur das tiefinnerste religiöse Fühlen; und ist der erste Antrieb aus Bewusstsein, aus Freiheit zum Guten und Schönen. Es ist den Infusorien, Amöben, jeder Pflanze und jedem Tiere eigen und in der Brust eines jeden Menschen vorhanden.

6. Die Weltentwickelung zur höchsten Vollendung

  • Aus freiem Willen zum Guten und Schönen streben wir zur höchsten Vollendung, zur Heiligkeit, zum Himmel und zur Gottheit. Das religiöse Fühlen im Weltall ist der Schöpfungsquell der Vollkommenheit und Göttlichkeit. Das eigentliche Erlösende ist die Liebe zum Guten, die uns alles überwinden lehrt. -aber lehrt auch Huter die Tugend der Keuschheit und Sittlichkeit, die den Fond des Guten vermehrt; die Tugend führt zum Siege. Ihr zu Liebe stirbt der Held im Drama; durch sie bleibt er fest und stark. Wer am Guten festhält, der kommt, wenn nicht völlig auf Erden, so doch nach seinem Tode zur Harmonie, die unvergänglich bleibt, der dann auf andere Wesen überstrahlt und so allmählich nicht nur zum eigenen, sondern auch zum allgemeinen Glücke beiträgt. Für ein Wesen, das das Gute anerkennt und verfolgt, gibt es keine Rückentwickelung mehr. Die Menschen, die die völligste Harmonie nicht mehr in diesem Leben erreichen, gewinnen sie im Jenseits.

7. Das Gottheits- und Glückseligkeitsprinzip

Dieses Prinzip findet man auf dieser Internetsite in zwei Teilen dargestellt:

Anmerkungen

1. Carl Huter behandelt diese Prinzipien ausserdem in "Welt- und Menschenkenntnis", II. Lehrbrief, 2. Lektion und im "Leitfaden", Ziffer 21.

2. Im "Hauptwerk" (Welt- und Menschenkenntnis) fehlt das oben genannte 7. Prinzip. Das 5. Prinzip bezeichnet er dort mit "Entwickelungs- und Welt-Harmonie-Prinzip."

3. Im Leitfaden zählt Huter nur 5 Prinzipien auf, wobei das 5. leicht anders bezeichnet wird.
1. Das kausale Weltprinzip
2. das teleologische Weltprinzip
3. das freiheitliche Weltprinzip
4. das tragische Weltprinzip und
5. das tugendhafte oder ethisch-schöne Weltprinzip.

4. Hinweis: Huter hat auch andere seiner Erkenntnisse in späteren Schriften leicht anders erläutert als z.B. im Hauptwerk. Massgebend ist in solchen Fällen die letzte Version. Carl Huter hat in seinen Werken selten oder nie auf frühere Versionen verwiesen, z.B. erläutert, weshalb die neue Version nicht deckungsgleich mit der früheren Version ist.
Man beachte: Carl Huter hat zeitlebens an der Huterlehre gearbeitet. Seine Lehre ist nach Breite und Tiefe gewaltig und ein menschliches Leben von 52 Jahren im Vergleich dazu sehr kurz. Huter erhielt niemals eine staatliche Förderung. Der grösste Teil seines Werkes schuf er daher nicht als Teil seiner Erwerbsarbeit sondern ausserhalb davon.


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  • Diese Seite wurde am 19. November 2019 erstellt. Sie wird regelmässig geprüft und überarbeitet, letztmals am 20. November 2019.

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