Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

Eine Analyse über Staaten und Völker, verfasst von Carl Huter.


Auszug aus dem Artikel "Zur Jahreswende 1900", erschienen in Huters Zeitschrift "Hochwart", Heft 4, Januar 1900

Textauswahl und Kommentar von Thomas Fink, Mai 2016



Wir wollen mit Donnergetöse dieses alte Jahrhundert zu Grabe tragen und eine neue Kulturepoche aus dem Boden stampfen, wenn uns die Macht dazu gegeben wäre.

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 In Russland herrscht nur eine Furcht, das ist die vor Japan, und eine List, das ist die gegen England, und eine Freude, das ist die Freude an der Idee eines Weltrussenreiches mit der angenehmen Freundschaft Deutschlands im Rücken. Russland sieht nach Osten und Süden, China Japan, Indien und der Türkei. Zar und Zarin sind von edlem Streben erfüllt, doch die russische Politik geht ihre eigenen Wege. Möge Graf Tolstoi, der Inspirator edler Kräfte in Russland, noch lange wirken.

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In Österreich will es nicht Frieden werden, weil Liebe und Vernunft nicht mehr siegreich genug sind, um eine dauernde Versöhnung der Parteien und Rassen herbeizuführen. Österreich befindet sich in einem chronischen Fieberzustande. Kaiser Joseph ist noch immer der Schutzengel seines Landes, möge er noch lange leben. Ob mit ihm das heilige römische Kaisertum dereinst begraben werden wird, wer kann es wissen; der Mensch denkt, Gott lenkt. 

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Die Schweiz regiert sich weise, Nordamerika klug und Deutschland rüstet und baut Schiffe und Kanonen, schliesst Handelsverträge und schimpft auf die freien Parteien und erwirbt Kolonien. Im Inneren blutet es aber aus tausend kleinen Wunden: Kanalvorlage, Lipper Thronfolge, Ministerintrigen, Polizeiübergriffe, Massregelung wahrheitsliebender Theologen, Schutzlosigkeit der freien Heilgewerbe, Zerreibung des Handwerkerstandes, disharmonische Rechtsauslegungen, Überhebung des Akademikertums und des Reserveoffizier-Übermenschenmanie, Unterdrückung der bescheidenen Talente, Verachtung der ehrbaren Handarbeit und gegenseitige Anneidung, Verklatschung, Bestreitung, Verfressenheit und Versoffenheit. Doch die vielen tausenden Tugenden im deutschen Vaterlande lassen uns hoffen, dass unser Volk noch zu grossen Taten ausersehen ist, darum o Volk, wache auf und lerne sehen die ewige Wahrheit der Physiognomik, darin liegt deine Kunst, deine Politik, deine Wissenschaft und deine Religion der Zukunft!

 

Kommentar

a. Russland: Interessant ist die Feststellung, dass sich Russland eine gute Freundschaft mit Deutschland erhofft. Das hat man in Deutschland damals nicht bemerkt und wohl auch heute nicht.

b. Österreich: Der Vielvölkerstaat ist kurze Zeit später zusammengebrochen, da viele seiner Völker nach Unabhängigkeit von Österreich strebten. Dies führte denn auch zum Untergang der Monarchie und nicht eigentlich der Tod des Kaisers Franz Josef I. (offizielle Bezeichnung; im Artikel wird er mit Kaiser Franz bezeichnet).

c. Schweiz und Nordamerika (USA): Huter urteilt mit einem einzigen Wort über diese Länder! Sein Blick richtet sich nicht auf einzelne Personen oder Gruppen sondern auf die Art, wie "sich" das Land regiert. Die staatliche Macht ist auf viele Personen verteilt und die Mitglieder der drei staatlichen Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative werden mittels Wahlen ermittelt und dies für eine feste Amtsdauer von wenigen Jahren. Die Wahl erfolgt meist durch direkt durch das Volk, manchmal durch Parlamente oder Behörden. Dies stellt sicher, dass ungeeignete Personen nur einen verhältnismässigen begrenzten Einfluss haben und sich ein allfälliger Schaden in Grenzen hält. Es gibt keine verfassungsmässigen Vorrechte einzelner Personen, Familien, etc. mit der Gefahr, dass die einflussreiche Ämter von ungeeigneten Person ausgeübt werden und dies über längere Zeit.

Eine so starke Mitbestimmung durch die Bürger und Bürgerinnen ist nur sinnvoll bei Ländern, wo die Bürger in der Lage sind, ihre Bürgerrechte verantwortungsvoll auszuüben und wo innerhalb des Landes keine grösseren Spannungen vorhanden sind (z.B. unterschiedliche Interessen von einzelnen Landesteilen oder Minderheiten, grosse soziale Unterschiede, etc.).

Beide Länder haben eine gleichmässige, gute Entwicklung erlebt und sind heute viel bedeutender als damals. Bestimmt eine Folge ihres politischen Systems.

In der Schweiz werden wichtige Entscheidungen direkt durch die Bürger mittels Volksabstimmungen getroffen und dies auf Stufe Gemeinde, Bezirk, Kanton und Bund. Bei Staaten, die deutlich grösser als die Schweiz sind, machen Volksentscheide auf Bundesebene wenig Sinn, da in derart grossen Gebilden zwischen den einzelnen Landesteilen oft grössere Unterschiede bestehen. Das Ergebnis des Volksentscheides mag für eine bestimmte Region sinnvoll sind, für eine andere nicht.

d. Deutschland: Huters Eindrücke von seinem Vaterland um das Jahr 1900 unterscheiden sich von den damaligen und heutigen Beschreibungen über diesen Zeitabschnitt. Dort wird das Land wie folgt charakterisiert: führendes Land in Kontinentaleuropa, sowohl politisch, militärisch und wirtschaftlich. 

e. Carl Huter schrieb die Analyse als erst 38-jähriger Mann und ohne eine höhere Bildung durchlaufen zu haben! Er war Direktor eines Kurbades und zusätzlich Redner und Schriftsteller für Psycho-Physiognomik (Menschenkenntnis) und wissenschaftlich-philosophische Themen. Seine hervorragende Analyse ist mit seiner aussergewöhnlichen Erkenntnisfähigkeit zu erklären.

 

Kommentar zur Mitsprache des Volkes ("Volksentscheide nach Schweizer Vorbild"): Der Staat sollte eine überschaubare Grösse haben und eine genügende Autonomie besitzen!

Es gibt immer wieder Sachfragen, auf vom einzelnen Bürger und der einzelnen Bürgerin unterschiedlich beantwortet werden. Soll ein Land der EU beitreten, soll es die eigene Währung zu Gunsten des Euro aufgeben, etc.? Trifft die Regierung oder das Parlament den Entscheid ohne Einbezug des Volkes so wird nur ein Teil des Volkes den Entscheid begrüssen. Lässt man stattdessen das Volk entscheiden, hat das Volk keinen Anlass, den Entscheid der Regierung resp. des Parlaments zu missbilligen. Dies trägt dazu bei, dass das Volk gegenüber der Regierung und dem Parlament eine grössere Achtung entgegenbringt. Und das Volk fühlt sich mit dem Staat enger verbunden, da es bei wichtigen Entscheidungen mitreden darf. Der einzelne Bürger resp. die einzelne Bürgerin, der anderer Meinung ist, kann ein vom Volk getroffener Entscheid leichter akzeptiert werden.

In grossen Staaten wie Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, etc. beziffert sich die Zahl der Stimmbürger und der Stimmbürgerinnen auf viele Millionen Männer und Frauen. Und die Verhältnisse sind derart grossen Ländern meist sehr unterschiedlich, z.B. im Süden des Landes anders als im Norden. Je grösser und vielfältiger das staatliche Gebilde ist, z.B. in Bezug auf Bevölkerungszahl, Fläche wirtschaftliche Struktur, desto schwieriger fällt es dem einzelnen Stimmbürger, der einzelnen Organisation und der einzelnen Region sich massgeblich in die Diskussion einzubringen. Man vergleiche mit den USA, wo Volksentscheide in Sachfragen stets nur auf Stufe des Gliedstaates durchgeführt wird und natürlich nur in Fragen, die der Gliedstaat autonom entscheiden kann.

Volksentscheide nach Schweizer Art legen deshalb nahe, die staatlichen Gebilde nicht allzu gross werden zu lassen und das betreffende staatliche Gebilde mit einer recht hohen Autonomie auszustatten. In Westeuropa würde dies bedeuten, dass z.B. die deutschen Bundesländer mehr Autonomie erhalten sollten, ebenso die Regionen in Italien (z.B. Piemont, Lombardei) und Frankreich (z.B. Elsass-Lothringen; Normandie) sowie in Spanien (z.B. Katalonien, Baskenland) und im Vereinigten Königreich (z.B. Schottland, Wales). Die Stimme des einzelnen Bürgers hat mehr Gewicht und jede Region kann sich für jene Lösung entscheiden, die ihren Verhältnissen am besten entspricht. Diese Autonomie sollte insbesondere im steuerlichen und im sozialversicherungsrechtlichen Bereich bestehen, z.B. bei der Höhe der Steuersätze (bei den direkten Steuern: z.B. Einkommenssteuern und bei den indirekten Steuern: z.B. Mehrwertsteuer), der Beiträge sowie der Leistungen an die Sozialversicherungen. Der übergeordnete Staat (z.B. Frankreich resp. die EU) legt lediglich das System sowie wichtige Grenz- oder Eckwerte fest. Auf diese Weise entsteht ein optimaler Ausgleich zwischen Mitwirkung der Bürger und Bürgerinnen einerseits und dem Wunsch nach Vermeidung einer Vielfalt von unterschiedlichen Systemen z.B. bei den Steuern oder bei den Sozialversicherungen.