Carl-Huter-Stiftung

Welt- und Menschenkenntnis nach Carl Huter

Was schrieb Carl Huter über die Kultur der Völker?

Auszug aus „Die Entwicklung vom wilden Urmenschen zum zivilisierten Menschen und die Zivilisation und Kultur“ in "Illustriertes Handbuch der Menschenkenntnis“, 1910, VI. Teil.

Textauswahl, Zwischentitel und Kommentar von Thomas Fink, November 2016


Zivilisierte Völker

Unter zivilisierten Menschen versteht man solche, welche in geordneter Gemeinschaft miteinander leben, Menschen, die sich gemeinsam an eine gewisse allgemein ange­nommene Moralreligion und Staatsform halten, die Gesetze und Verwaltung haben und achten.

Der zivilisierte Mensch unterscheidet sich vom wilden Menschen (d.h. solchen, die nicht in wohlgeordneter Gesellschaft leben) ganz wesentlich.

 

Kulturvölker

Unter Kulturvölkern versteht man die modernen Völker in Europa und Amerika, welchen die heutigen Naturwissenschaften bekannt sind, und die alle Nutzanwendungen daraus zu ziehen suchen, die Völker, welche geordnete Schul-, Regierungs-, Gerichts-, Verwaltungs-, Polizei-, Post- und Eisenbahn­verhältnisse haben und wo jeder normaler­weise vor Raub und Überfall geschützt ist.             

Es sind Völker, die Kunst und Wissenschaft lieben und pflegen, gute Schulen und höhere Lehranstalten haben, bei denen die persön­liche und geistige Freiheit die Herrschaft bekam und diese auch dauernd respektiert wird. Dass in Europa hiervon Russland am weitesten entfernt ist, weiß jeder. England, Dänemark, Norwegen, Holland, die Schweiz und in jüngster Zeit auch Frankreich sind die am meisten vorangeschrittenen Kultur­staaten bzw. -völker in Europa.

Deutschland ist in manchem sogar diesen Staaten voran, es ist eines der zivilisiertesten Völker, ob schon eines der kultiviertesten, will ich nicht entscheiden. Die besten und meisten Kulturmittel hat das deutsche Volk, aber es hat noch lange nicht diesen ganzen Kultur­reichtum ins praktische Leben übertragen. Ein volles Kulturvolk hat ein gleiches, ge­heimes, volles Wahlrecht für jeden seiner Staatsbürger, wie es z. B. Nordamerika und Norwegen besitzen.


Erläuterungen von Carl Huter

Man kann sagen, die Zivilisation ist bei den Völkern durch die Religion vollzogen.

Die Kultur wird durch die Wissenschaft und durch eine freie humane und gesittete Entwicklung gefördert.

Die Kulturvollendung ist die Aufgabe, durch welche die heutigen Kulturvölker noch weiter emporwachsen können; sie wird erst da möglich sein, wo Kunst, Wissenschaft, Reli­gion, persönliche Freiheit, persönliches Wahl­recht aller mündigen Männer und Frauen, gute wirtschaftliche Verhältnisse, Volks­gesundheit und vor allem das ethische Recht vereint zusammenwirken.

Da nun erst durch diese Lehre und ihre Bestre­bungen diese Faktoren harmonisch verschmolzen werden, ist durch nichts anderes als durch die Lehren der Psycho-Physiognomik und Kallisophie die höchste Kulturentwicklung und -vollendung möglich.


Kommentar

Huter bewertet die Völker aus der Sicht des Bürgers, z.B. kann er sich frei entfalten, kann er sich eine gute Bildung aneignen, wird er vom Staat respektiert, lebt er in guten wirt­schaftlichen Verhältnissen? Heute, 100 Jahre nach Huters Bestandesaufnahme, bestehen viele Organisationen und Übereinkommen, die dazu dienen, in der Kultur voranzu­schreiten und wo der einzelne Mensch, der einzelne Bürger oder Volksgruppen im Vordergrund stehen:

  • "Die Allgemeine Erklärung der Menschen­rechte", UNO, Los Angeles 1948;
  • "Die Konvention zum Schutz der Menschenrechte und der Grund­freiheiten", Europarat, Rom 1950;
  • "Genfer Konventionen", Genf 1949, über den Schutz von Personen bei bewaffneten und nicht-bewaffneten Konflikten
  • Die OSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammen­arbeit in Europa; ursprünglich Schlussakte von Helsinki, 1975)
  • Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit; Paris 1949)
  • Die UNO und deren Tochterorgani­sationen wie UNESCO, Hochkommissariat für Flüchtlinge (zumeist nach 1945 entstanden mit Sitz in New York, Paris, Genf).

Der Anstoss zum Fortschritt ging und geht von unterschiedlichen Stellen aus: von ein­zelnen Ländern (u.a. USA, Schwe­den, Norwegen, Schweiz), von politischen Parteien, von einzelnen Menschen (u.a. Lincoln, Dunant, Tolstoi, Gandhi, Mandela) und von Nichtregierungs­organisationen (u.a. Amnesty International, Rotes Kreuz).